DVZ-Bericht: Darum ist Hermes so langsam (und wie sie es ändern)

Das Image vom Zusteller, der im Privatauto oder mit einem klapprigen Transporter Pakete ausliefert, hat Hermes in den letzten Jahren überwunden. Nicht so bei der gefühlten Liefergeschwindigkeit. Gegenüber Wettbewerbern sind Hermes-Pakete mitunter richtig langsam. Das gilt insbesondere für Privatkunden-Pakete und weniger für Pakete von Versandhändlern. Warum das so ist, hat der Journalist Ludwig-Michael Cremer in einem Bericht für die DVZ aufgeschrieben (bei dvz.de).

Hermes hat nicht etwa zu wenige LKW im Einsatz. Auch nicht zu wenige Mitarbeiter oder zu langsame Sortieranlagen. Der Grund für die langsamen Pakete liegt Jahrzehnte zurück, als Hermes mit dem Bau überregionaler Logistikzentren begann. Die damligen Standortentscheidungen waren auf große Hermes-Kunden wie OTTO oder QVC zugeschnitten und erweisen sich heute teilweise als Flaschenhals.

Grundsätzlich funktionieren Transporte bei allen Paketdiensten so: In Postfilialen oder Paketshops abgeschickte Pakete werden in kleinen, regionalen Paketzentren gesammelt. Anschließend werden sie zu einem überregionalen Paketzentrum transportiert, dort sortiert und mit anderen Paketen gebündelt. Die nach Zielregion gebündelten Pakete werden dann ins überregionale Paketzentrum der Zielregion transportiert und von dort an das zuständige kleinere, regionale Paketzentrum weitergeleitet. (Ausführliche Beschreibung in diesem Artikel: So funktioniert der Pakettransport.)

Die Besonderheit des Transportnetzwerks von Hermes wird deutlich, wenn man es mit dem Netzwerk von DHL vergleicht. Die Abbildungen sind stark vereinfacht. Links ein sog. Hub-and-Spoke-Netzwerk wie z.B. bei Hermes (vgl. auch Hermes-Blog). Rechts ein sog. Depotnetzwerk wie bei DHL.

Hub-and-Spoke im Vergleich mit Depotnetzwerk

  • In einem Hub-and-Spoke-Netzwerk gibt es keine direkten Transporte zwischen den Verteilzentren. Pakete durchlaufen stattdessen ein überregionales Logistikzentrum und werden von dort zum Ziel weitertransportiert.
  • In einem Depotnetzwerk sind direkte Transporte zwischen zwei Paketzentren möglich. Es gibt kein "Über-Paketzentrum", das jedes Paket passieren muss.

Nun ist die Frage, in welchem Transportnetz Pakete schneller befördert werden. Laut DVZ kann Hermes eine eintägige Lieferzeit gewährleisten, wenn Pakete in einem Logistikzentrum eingeliefert werden. Von den Logistikzentren gibt es jede Nacht eine Transportverbindung zu allen "50 Hermes-Niederlassungen und darüber die rund 350 Zustellbasen", so dass "Pakete am nächsten Tag ausgeliefert werden" können.

Werden Pakete nicht in einem Hermes-Logistikzentrum eingeliefert, müssen sie erst dorthin transportiert werden, was mindestens einen zusätzlichen Transporttag kostet. Beispiel eines langsamen Hermes-Privatkundenpakets:

In einem Depotnetzwerk wie bei DHL gelangt ein Paket i.d.R. direkt vom Verteilzentrum A zu Verteilzentrum B. Die zeitaufwändige, zusätzliche Sortierung in einem Logistikzentrum wie bei Hermes entfällt. Direktverbindungen lohnen sich aber nur, wenn jeden Tag ausreichend viele Pakete z.B. von Radefeld nach Hannover verschickt werden. Sonst würde der LKW die Strecke unwirtschaftlich mit halb leerem Container fahren. Als Marktführer mit hohem Paketaufkommen hat es DHL leichter als Hermes, alle Paketzentren wirtschaftlich miteinander zu verbinden.

Apropos Leerfahrten: DVZ-Autor Ludwig-Michael Cremer schreibt, dass "kein anderer Paketdienst so viele Wechselbrückenanhänger leer durchs Land fährt" wie Hermes. Grund seien die vergleichsweise wenigen Einspeisepunkte, also die überregionalen Logistikzentren. Von diesen Logistikzentren gibt es jede Nacht Fahrten zu allen regionalen Verteilzentren. Cremer schlussfolgert, dass dieses Konzept "zahlreiche Umfuhren [erfordert], da es weniger paarige Verkehre gibt und die Transportmittel deshalb oft leer zu den Logistikzentren zurückgeführt werden müssen."

Mit "Transportmitteln" meint Cremer LKW-Container, zuvor auch Wechselbrückenanhänger genannt. Und mit "paarigen Verkehren" sind gleich hohe Sendungsmengen auf dem Hin- und Rückweg gemeint.

Damit zurück zum Anfang der Geschichte, als Hermes seine überregionalen Logistikzentren gebaut hat. Die Standortwahl entschied sich nach den Versandlagern vom Mutterkonzern OTTO oder von großen Hermes-Kunden wie z.B. QVC. Laut DVZ wurde das Hermes-Logistikzentrum in Hückelhoven extra für QVC gebaut, was sich auch daran zeigt, dass die Sortierhallen von Hermes und QVC mittels Förderbrücke verbunden sind.

Die Standort-Entscheidungen traf Hermes damals gut begründet, weil die großen Versandhändler ihren Kunden kurze Lieferzeiten versprechen konnten. Die Pakete werden direkt im Logistikzentrum eingeliefert, so dass der Transport zum Kunden in nur einer Nacht gelingt. Beispiel eines schnellen Hermes-Versandhandelspakets:

Dieses Konzept hat bloß den Nachteil, dass die Hermes-LKW die Logistikzentren vollgepackt mit Paketen verlassen, aber nicht die gleichen Mengen zurücktransportieren. Jeden Tag gehen wahrscheinlich mehr Pakete von Hückelhoven nach Düsseldorf als von Düsseldorf nach Hückelhoven. Deshalb entstehen auf dem Rückweg Leerfahrten. Mit diesem Problem haben aber sicherlich auch andere Paketdienste zu tun, die in einzelnen Regionen sehr hohe Sendungsmengen von Großkunden erhalten.


So will Hermes schneller werden

Hermes hat bereits 4 neue Logistikzentren gebaut und errichtet derzeit 5 weitere, die bis zum Jahr 2020 in Betrieb gehen. DVZ-Experte Cremer meint, dass Hermes anschließend "die Zahl seiner Niederlassungen [Verteilzentren] schrittweise von 50 auf gut 20" reduzieren wird.

Weil es ab 2020 insgesamt 15 Hermes-Logistikzentren gibt, anstatt wie bisher nur 6, müssen Pakete kürzere Transportwege zurücklegen. Dann gelingt der Transport vom regionalen Verteilzentrum ins überregionale Logistikzentrum vielleicht sogar taggleich. In vielen Regionen wird sich die Transportdauer von Privatkundenpaketen vermutlich um einen Tag reduzieren. Und auch Geschäftskunden profitieren, sofern sich deren Versandlager zufällig in der Nähe eines neuen Hermes-Logistikzentrums befindet (wie z.B. beim Neubau des LC Berlin-Brandenburg).

Im Jahr 2017 wurde bekannt, dass Hermes zudem die Anzahl seiner Zustellpartner reduzieren will. Damals wurden 250 Verträge für Subunternehmer neu ausgeschrieben (Paketda berichtete). Auch die DVZ schreibt unter Berufung auf Insider, dass die Zahl der Zustellbasen bei Hermes reduziert werden könnte, um ein größeres Liefergebiet wirtschaftlicher abzudecken.

Übrigens sind Zustellbasen bei Hermes nicht ganz vergleichbar mit Zustellbasen bei DHL. Gemeinsam ist beiden Standortarten, dass die Zusteller dort ihre Fahrzeuge beladen und die Standorte i.d.R. nicht in der Sendungsverfolgung erscheinen. DHL-Zustellbasen (vor allem mechanisierte Zustellbasen) sind eher vergleichbar mit Hermes-Verteilzentren. Und DHL-Paketzentren sind vergleichbar mit den überregionalen Hermes-Logistikzentren.


Warum ist GLS schneller als Hermes?

Diese Frage drängt sich auf, weil das Transportnetz von GLS als Hub-and-Spoke aufgebaut ist, also prinzipiell wie bei Hermes. GLS hat sogar nur einen einzigen zentralen Umschlagpunkt. Und zwar in Neuenstein, relativ mittig in Deutschland gelegen. Trotzdem sind GLS-Pakete gefühlt schneller beim Empfänger als bei Hermes.

Möglicherweise legt GLS das Hub-and-Spoke-Konzept nicht so streng aus wie Hermes. GLS-Pakete von Hamburg nach Berlin oder von Hamburg nach Dortmund durchlaufen beispielsweise nicht Neuenstein sondern werden auf direktem Weg transportiert.

Soetwas ist allerdings auch bei Hermes zu beobachten. So gibt es beispielsweise Direkttransporte zwischen den Verteilzentren Dresden und Gera sowie zwischen Koblenz und Frankfurt. Keine Direkttransporte gibt es erstaunlicherweise zwischen Düsseldorf und Dortmund sowie zwischen Rendsburg und Hamburg. Beides sind vergleichsweise kurze Strecken mit 1:40 Std. Fahrtzeit.

Besonderheit bei GLS: Einige Paketzentren werden als regionale Umschlagpunkte (RUP) genutzt, z.B. auf der Strecke vom Depot Neuss ins 350 km entfernte Depot Rheinstetten (Abbildung unten). Weil sich ein Direkttransport aufgrund zu geringer Sendungsmengen mutmaßlich nicht lohnt, könnte GLS das Paket über den ZUP Neuenstein transportieren und dort mit anderen Paketen bündeln.

GLS wählt jedoch einen anderen, kürzeren Weg und sortiert das Paket im regionalen Umschlagpunkt Bornheim, um es mit anderen Sendungen nach Rheinstetten zu bündeln. Solche regionalen Umschlagpunkte betreibt Hermes nicht. Anders als bei Hermes benötigt GLS außerdem keinen zusätzlichen Arbeitstag für die Zwischensortierung im RUP. Bei einer Zwischensortierung in Neuenstein passiert es hingegen auch bei GLS häufig, dass ein Paket 2 Tage unterwegs ist anstatt eines Tages.

Fazit: Es ist anzunehmen, dass die regionalen Umschlagpunkte der Grund für die vergleichsweise schnellen Lieferzeiten von GLS sind, obwohl es sich um ein Hub-and-Spoke-Netzwerk mit nur einem zentralen Umschlagzentrum handelt.


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