Hermes Germany steht vor einem tiefgreifenden Umbau. Im Rahmen einer Restrukturierung namens Full Potential Plan baut das Unternehmen hunderte Stellen ab. Laut Gewerkschaft Verdi wurde der Wegfall von 700 Arbeitsplätzen beschlossen. Besonders einschneidend: Die Eigenzustellung wird komplett aufgegeben. Auch die Servicetouren zur Belieferung von Paketshops sollen nicht mehr eigene Fahrer durchführen, sondern fremdvergeben werden.
Laut Unternehmensangaben sind bei Hermes rund 6.000 Mitarbeiter direkt angestellt, und die Zahl der Zusteller liegt bei 10.500. Bezogen auf die 6.000 internen Kräfte bedeutet der geplante Abbau von 700 Stellen eine Quote von etwa 11,7%. Zum Vergleich: DPD hatte im Rahmen einer Restrukturierung 15% der Arbeitsplätze abgebaut (Paketda berichtete). Im Mai 2025 teilte Hermes mit, dass sogar "ein Abbau von bis zu 850 Stellen vorgesehen" sei (Quelle). Sollte diese Zahl zutreffen, entspräche das ca. 14% der Belegschaft.
Der Stellenabbau soll sozialverträglich erfolgen. Verdi hat eigenen Angaben zufolge erreicht, dass betroffene Mitarbeiter ein Alternativangebot oder eine Abfindung erhalten. Die Umstrukturierungen betreffen kaufmännische, gewerbliche und logistische Bereiche. In manchen Bereichen wird laut Verdi Personal direkt reduziert, in anderen verändern sich Schichtmodelle oder Tätigkeitsprofile.
Der vollständige Rückzug aus der Eigenzustellung widerspricht früheren Strategien von Hermes Germany. Noch 2019 hatte der damalige Hermes-CEO Olaf Schabirosky angekündigt, rund 1.000 Zusteller fest bei Hermes anzustellen, um Ausfälle bei Subunternehmern kompensieren zu können und mehr Steuerungshoheit zu gewinnen. Die Realität sieht heute anders aus: Laut Verdi macht die Eigenzustellung aktuell weniger als 5% aus. Bezogen auf 10.500 Zusteller wären das ca. 525 Zusteller oder weniger.
Hermes begründet die Maßnahmen mit dem angespannten Marktumfeld und einem stagnierenden Paketwachstum. Eigenen Angaben zufolge werden immerhin "gut 60 weitere Stellen neu aufgebaut, um das zukünftige Wachstum zu unterstützen". Außerdem sollen das Paketshop-Netzwerk und die digitalen Services ausgebaut werden. Letzteres wäre eine enorme Überraschung, weil Hermes die Digitalisierung bislang nicht fokussiert hat.
Verdi zeigt sich mit der Restrukturierung nicht rundum zufrieden, sondern bezeichnet die Vereinbarung als einen Kompromiss. Lars-Uwe Rieck vom Landesfachbereich Hamburg befürchtet einen wachsenden Druck auf verbleibende Mitarbeiter und kritisiert, dass bestehende übertarifliche Zahlungen bei einigen Beschäftigten einmalig mit Tariferhöhungen verrechnet werden. Das sei zwar rechtlich zulässig, drücke aber auf die Motivation im Unternehmen.
Hermes unter Druck: Droht eine Restrukturierung wie bei DPD?
So berichtete Paketda im Januar 2025
Die Gewerkschaft Verdi hat brisante Interna aus der Hermes-Zentrale in Hamburg veröffentlicht. Demnach lassen sich die Verantwortlichen des Unternehmens seit Sommer 2024 von externen Beratern unterstützen, um Hermes Germany wieder in die Spur zu bringen.
Ausweislich des letzten Geschäftsberichts der Otto-Group sank der Buchwert des Anteils an Hermes Germany von 117 auf nur noch 11 Mio. Euro (- 91%). Das Nettoreinvermögen rauschte sogar ins Negative, nämlich von +114 Mio. Euro auf -23 Mio. Euro (Paketda berichtete). Das bedeutet: Die Verbindlichkeiten übersteigen die Vermögenswerte.
Demgegenüber gelang dem neuen Eigentümer von Hermes UK eine Milliarden-Wertsteigerung, nachdem sich Otto mehrheitlich von Hermes UK trennte (Paketda berichtete).
Laut Verdi sollen ab Februar 2025 konkrete Maßnahmen mit dem Gesamtbetriebsrat von Hermes Germany verhandelt werden. Welche das sind, drang bislang nicht nach außen. Verdi vermutet, dass eine geplante Tariferhöhung, die ab Januar in Kraft treten sollte, für viele Beschäftigte ins Leere laufen wird. Hermes plant angeblich, die Erhöhung mit bereits bestehenden übertariflichen Zahlungen zu verrechnen.
Neben diesen Einschnitten ist die Rede von einem Interessenausgleich und einem Sozialplan, um die Auswirkungen für die Belegschaft abzumildern. Wenn sich das bewahrheitet, könnte es ein Indiz für größere Entlassungen sein. Ein Blick auf die Konkurrenz zeigt, was möglich wäre: DPD baute im Jahr 2023 rund 15 % seiner Belegschaft ab, was 1.400 Stellen entspricht (Paketda berichtete).
Branchenkenner und Ex-GLS-Chef Rico Back beurteilte die Situation von DPD und Hermes schon im Dezember 2023 als schwierig. Ursache seien Mengenrückgänge, die die Profitabilität gefährdeten.
Die nächsten Wochen werden zeigen, wie stark die Einschnitte bei Hermes ausfallen. Klar ist jedoch: Für die Belegschaft bedeutet die Situation zusätzliche Unsicherheit. Verdi appelliert deshalb an die Mitarbeiter, sich zu organisieren und ihre Rechte wahrzunehmen.
Hermes-Zentrale in Hamburg