Die staatlichen Postgesellschaften, organisiert im Weltpostverein (UPU), haben beim internationalen Warenversand massiv an Bedeutung verloren. Große Onlinehändler wie Alibaba, Amazon, Temu und Shein setzen auf eigene Logistiknetzwerke oder private Dienstleister. Die Folge: Das UPU-Netz verzeichnet fast 50 % weniger kleinformatige Warensendungen im Vergleich zur Zeit vor Corona.
Um diesen Mengenverlust zu stoppen, will sich der Weltpostverein für Kooperationen mit privaten Logistikunternehmen öffnen (siehe Berichte unten). Gleichzeitig plant die Organisation einen Wechsel im Zollabfertigungsprozess: Statt "Delivered Duty Unpaid" (DDU) soll verstärkt "Delivered Duty Paid" (DDP) genutzt werden. Das bedeutet, dass Absender künftig die Einfuhrabgaben direkt übernehmen, damit Empfänger keine Überraschungen mehr erleben.
David Avsec vom Postal Technology Centre der UPU erklärt dazu:
"DDP ist ein Muss für den E-Commerce. Kunden, die im Ausland bestellen, hassen 'böse Überraschungen' unerwarteter oder unvorhersehbarer Steuer- und Abgabenbeträge, wenn ihre Artikel die Grenze passieren. Außerdem ist Delivery Duty Unpaid (DDU) für Postgesellschaften kostspielig, weil sie die Steuern bei Lieferung vom Empfänger kassieren müssen." (Quelle)
Das neue DDP-Verfahren "sollte auch dazu beitragen, einige Mengen wieder in das UPU-Netzwerk zu bringen", ergänzt Avsec. DHL bietet deutschen Geschäftskunden schon seit September 2022 die Option an, per DDP zu versenden. Der Service funktioniert jedoch nur in wenige Länder und kostet Absender 4 Euro Aufpreis (Paketda berichtete).
Europäische Postgesellschaften kritisieren Weltpostverein
So berichtete Paketda im Juli 2024
Mit deutlichen Worten fordert der Verband europäischer Postgesellschaften, PostEurop, den Weltpostverein zu einem Strategieschwenk auf. Die Schwere der aktuellen Postnetzkrise werde unterschätzt, so dass eine Gefahr für den Weltpostverein und die (ehemals) staatlichen Postgesellschaften bestehe.
Postnetzkrise meint die Verschiebung von Sendungsmengen hin zu privaten Logistikunternehmen. Vor 10 Jahren wurden Chinabestellungen hauptsächlich mit den offiziellen Postgesellschaften des jeweiligen Absenderlands verschickt, z.B. China Post, Hongkong Post, SingPost, usw. Diese Transportwege haben an Bedeutung verloren, weil es mit Cainiao, SF Express, Yun Express, usw. viel private Konkurrenz gibt. Die privaten Anbieter sind günstiger, schneller und bieten ein besseres Kundenerlebnis hinsichtlich Sendungsverfolgung und Zollabfertigung.
PostEurop verlangt, dass der Weltpostverein zu den privaten Logistikern aufschließt, indem Kundenservice und Kundenzufriedenheit verbessert werden. Die Mitglieder des Weltpostvereins sollten der Konkurrenz technologisch überlegen sein, ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern und dadurch Sendungsmengen zurückgewinnen.
Im September 2025 findet der nächste Kongress des Weltpostvereins in Dubai statt. PostEurop plädiert dafür, dass der Weltpostverein zu diesem Anlass seine Vision, Mission und Ziele grundlegend überarbeitet. Die strategischen Ziele sollten unter "einen realistischeren und geschäftsorientierteren Ansatz" formuliert werden.
Weltpostverein unter Druck wegen Mengenverlust
So berichtete Paketda im Oktober 2023
Der Weltpostverein hat Statistiken zu den Brief- und Paketmengen zwischen 2018 und 2023 veröffentlicht (Quelle). Demnach gibt es einen krassen Mengenrückgang bei kleinformatigen E-Commerce-Sendungen, die im Briefnetz transportiert werden.
Zwischen dem 2. Quartal 2019 und dem 2. Quartal 2023 sank die Brieftonnage um 44,5%. Ursache ist nicht etwa, dass die Menschen weniger online bestellen, sondern dass Versender das Netzwerk des Weltpostvereins meiden.
Wer als deutscher Kunde in Asien einkauft, erlebt kaum noch einen Versand mit den Staatsposten China Post, Hongkong Post, SingPost, etc. Stattdessen übernehmen private Spediteure (Cainiao, SF Express, 4PX, etc.) den Transport von Asien nach Europa und übergeben die Waren hierzulande als inländisch frankierte Sendungen an DHL, Hermes, DPD, usw.
Die im Weltpostverein vertretenen staatlichen Postgesellschaften haben sich den Verlust von Marktanteilen selbst zuzuschreiben. Versender und Empfänger mögen keine langen Wartezeiten auf die Zollabfertigung und wollen auch keine Auslagepauschale für die Zollabfertigung bezahlen. Außerdem stehen für Weltpostverein-Sendungen (zumindest in Deutschland) i.d.R. keine Wunschoptionen zur Verfügung, und die DHL Packstation ist komplett verboten bei zollpflichtigen Sendungen.
Der Weltpostverein (UPU) beschreibt die Situation so:
"Globale digitale [Onlineshopping] Plattformen haben damit begonnen, den grenzüberschreitenden Versand in die eigene Hand zu nehmen, um den gestiegenen Liefererwartungen von Online-Käufern gerecht zu werden. Infolgedessen sehen sich traditionelle internationale Postkanäle zunehmender Konkurrenz durch vielfältige Zustellalternativen ausgesetzt."
Weitere Ursachen für Mengenrückgang
Neben COVID-Pandemie und Ukraine-Krieg gab es überraschenderweise ein weiteres Ereignis, das für einen Mengenrückgang bei internationalen Sendungen sorgte: Die USA setzten im Juli 2020 eine höhere Vergütung für Auslandssendungen durch. US-Präsident Trump wollte so verhindern, dass die US-Staatspost mit jeder billig importierten Chinasendung Verlust macht (Paketda berichtete).
Das teurere Porto sorgte für einen Mengenrückgang von 36,8%. Zum Vergleich: Der COVID-Effekt lag nur bei 28,4%. Die Abschaffung der 22-Euro-Zollfreigrenze in der EU verursachte einen Rückgang von 33,7%.
Positive Zahlen gibt es bei internationalen Standardpaketen. Hier wurde ein Mengenwachstum von 19,9% registriert bezogen auf die Stückzahl. "Diese optimistischen Daten werden jedoch durch die Tatsache getrübt, dass Pakete immer noch einen relativ bescheidenen Anteil am traditionellen internationalen Postverkehr ausmachen", so der Weltpostverein.
Krass: Im Bereich EMS-Expresspakete gab es zwischen dem 2. Quartal 2019 und dem 2. Quartal 2023 einen Rückgang von 49,3 % bezogen auf die Stückzahl. Hierfür hat der Weltpostverein keine schlüssige Erklärung.
Öffnung des Weltpostvereins kommt voran
So berichtete Paketda zuvor
Seit dem 1.7.2022 können sich Nichtregierungsorganisationen um eine Aufnahme ins Consultative Committee (CC) des Weltpostvereins bewerben. Davon ausgeschlossen bleiben weiterhin private Post- und Paketdienste sowie Regulierungsbehörden. Das CC ist mit einem Beirat vergleichbar, der dafür sorgt, mehr externe Standpunkte, Anforderungen und Wünsche in die Arbeit des Weltpostvereins einfließen zu lassen. Eine Mitgliedschaft im CC berechtigt nicht zum Einspeisen von Sendungen in das UPU-Netzwerk.
Eines der ersten neuen UPU-Mitglieder war der deutsche Verein logistic-natives e.V. sowie Mail Alliance, ein Verbund privater deutscher Briefdienste. Je nach Mitgliedsstufe (Bronze, Silber oder Gold) wird ein jährlicher Beitrag erhoben in Höhe von 10.000 CHF, 15.000 CHF oder 20.000 CHF. Die Beträge sind in Euro ungefähr gleich (Quelle).
Felix Blaich von der Deutschen Post AG hält eine Öffnung des Weltpostvereins für richtig, um die Organisation relevanter zu machen. Es müsse aber darauf geachtet werden, dass neue Mitglieder Rechte und Pflichten gleichermaßen wahrnehmen. Quelle: Youtube-Video vom August 2021 ab Minute 43:30.
Im Jahresbericht 2020 der Bundesnetzagentur (PDF) ist vermerkt, dass die Öffnung des Weltpostvereins auch finanzielle Gründe habe. Auf Seite 141 des Berichts heißt es: "Mit der Integration anderer Unternehmen/Organisationen in die Prozesse des Weltpostvereins (WPV), die ebenfalls Interessen im Postsektor vertreten, verbindet sich die Hoffnung, zusätzliche Mittel zu generieren, um den Fortbestand des WPV und damit den eines weltweit einheitlichen Postgebiets zu gewährleisten."
Chef des Weltpostvereins: Private Anbieter könnten Zugang erhalten
So berichtete Paketda im Oktober 2019
Der Direktor des Weltpostvereins, Bishar A. Hussein, hat dem Postalhub-Podcast ein Interview gegeben (www.thepostalhub.com). Darin erklärte Hussein, dass sich der Weltpostverein den neuen, globalisierten Märkten anpassen müsse (ca. ab Minute 7:00). Wenn es nach ihm gehe, solle sich der Weltpostverein für private Post- und Paketdienste öffnen. Diese sollten die Möglichkeit einer speziellen Mitgliedschaft bekommen, um dadurch leichter mit anderen Postgesellschaften zu kooperieren.
Bislang sei der Weltpostverein, so Hussein, nur ein Zusammenschluss von designated operators. Das sind die (ehemals) staatlichen Postgesellschaften. Private Postdienste spielen im Weltpostverein keine Rolle, weil es pro Land nur einen designated operator gibt; und das ist meistens die staatliche Post.
Laut Bishar A. Hussein sollten private Anbieter im Weltpostverein vertreten sein, damit sie offiziell Zugang zum weltweiten Postnetzwerk bekommen. Bislang sei der internationale Versand von privaten Unternehmen durch die Hintertür organisiert. Damit meint er vermutlich die Direkteinschleusung, wenn z.B. Pakete in Asien mit einem deutschen Paketaufkleber versehen werden und hierzulande als nationales Paket an DHL, DPD, Hermes, etc. übergeben werden. Den Transport von Asien nach Deutschland übernehmen Anbieter wie OrangeConnex, YunExpress, Flyt oder SunYou.
Wörtlich sagte Hussein (bei Minute 9:10):
"If DHL or UPS or Amazon or Alibaba want to play in UPU they [could] come in, they become an associated member or sort of something, and then we have terms and conditions of the entry. They pay for the services and of course they become part of the global postal system. Therefore the UPU will be serving not a segment of the postal industry but the entire postal industry. That is my dream and my wish, but again, this will be depend on the member countries."