So wurden 1930 Pakete sortiert: nicht viel anders als heute

Film über das Paketpostamt München III
Im Bundesarchiv befindet sich ein interessanter Film über das Paketpostamt München III, der irgendwann zwischen 1925 und 1931 entstanden ist. Siehe www.filmothek.bundesarchiv.de (Stummfilm).

Die Bezeichnung "Paketpostamt" müsste man heutzutage mit Paketzentrum übersetzen, weil das Paketpostamt München III den kleineren Postfilialen übergeordnet war. Es befand sich am Hauptbahnhof München. Dort wurden alle Pakete aus den Filialen im Münchener Stadtgebiet gebündelt und sortiert. Pro Jahr ca. 16 Millionen Stück.

Obwohl der Film rund 90 Jahre alt ist, gibt es interessante Parallelen zu heute. Die Abläufe in den modernen Paketzentren unterscheiden sich im Grundsatz nämlich gar nicht so stark von 1930.

Damals gab es sogenannte Einsatzpostkarren (im Film bei Minute 4:30 zu sehen), auf die Pakete gestapelt wurden. Für den Weitertransport wurden die Einsatzpostkarren in Straßenbahn-Frachtwaggons geschoben. Die damaligen Einsatzpostkarren waren "im Hand- und Schleppzug koppelbar" - genauso wie die heutigen Rollcontainer von Wanzl.

Rollcontainer vom Hersteller Wanzl

Wenngleich heutige Paketzentren hoch automatisiert sind, gleichen sich die Abläufe zu 1930. Anhand der folgenden Infografik eines DHL-Paketzentrums lassen sich die Gemeinsamkeiten gut erkennen.

Infografik Ablauf eines Paketzentrums

Auszeichnerhalle / Codierlinie

Ab Minute 7:20 im Film wird die sogenannte Auszeichnerhalle gezeigt; heutzutage würde man sie als Codierlinie bezeichnen. Dort findet der erste Bearbeitungsschritt für neu ankommende Pakete statt. Dutzende Mitarbeiter entscheiden anhand der Empfängeranschrift, welches Paket welche Route durchs Paketzentrum nehmen muss. Eine Kursnummer (heute: Tournummer / Routingcode) wird auf jedes Paket geschrieben; danach legen die Postbeamten die Sendungen auf eines von zwei Förderbändern (heutige Bezeichnung: Vorsorter).



Leseband / Hauptsorter

Die Vorsorter transportieren die Pakete entweder ins Obergeschoss oder Untergeschoss des Paketzentrums. Im Obergeschoss gibt es einen Hauptsorter, der früher Leseband genannt wurde. Vom Leseband führen Rutschen ab, und jede Rutsche ist einem bestimmten Lieferbezirk zugeordnet. Am Anfang jeder Rutsche steht ein Mitarbeiter, der anhand der Kursnummer entscheidet, welche Pakete an der jeweiligen Rutsche vom Band abgeleitet werden müssen (bei Minute 10:00).



Übernahmetisch / Endstelle

Am Ende der Rutsche (heutiger Begriff: Endstelle) befindet sich ein Übernahmetisch. Dort nehmen Postbeamte die Sendungen entgegen und feinverteilen sie je nach Kursrichtung auf Handwagen oder in Postsäcke (bei Minute 12:50).

In einigen Depots / Zustellbasen läuft die Arbeit auch 90 Jahre später noch ähnlich ab: Ankommende Pakete werden auf ein langes Förderband gelegt, an dem die Zustellfahrer stehen. Jeder Fahrer achtet auf die Tournummer auf den Paketlabels und nimmt die für seinen Bezirk passenden Pakete vom Band herunter.

In überregionalen Paketzentren und mechanisierten Zustellbasen ist der Arbeitsschritt automatisiert, beispielsweise durch Schuhsorter oder Förderbänder mit Kippschalen. Die Pakete werden an der richtigen Endstelle (Rutsche) automatisch vom Hauptsorter geschoben / gekippt und gelangen über eine Rutsche zur Endstelle, wo sie in Fernverkehrs-LKW oder Sprinter-Zustellfahrzeuge geladen werden.



Paketzentrum München, Arnulfstraße

Im zweiten Teil des Films (ab Minute 15:00) geht es um das Paketzentrum in der Münchener Arnulfstraße, das 1926 gebaut wurde (laut Wikipedia). Das markante Rundgebäude wird seit Mitte der 2000er Jahre nicht mehr von der Deutschen Post genutzt. Ende 2020 will Google dort mit 1.500 Mitarbeitern einziehen (Quelle).

Kernstück des Paketzentrums Arnulfstraße war die Paketverteilung über eine Art Turbine. Im Erdgeschoss wurden die angelieferten Pakete zunächst grob vorsortiert in einen von 24 Schächten für die jeweilige Zieladresse eingeworfen.

Über Wendelrutschen gelangten die Pakete auf eine sich drehende Scheibe ("Turbine") im Keller des Paketzentrums. Die Scheibe hatte einen Durchmesser von 16 Metern und verfügte über 6 Führungsrinnen. Auf jeweils einer Führungsrinne wurden die Pakete aus 4 Einwurfschächten zusammengeführt.

Durch die rotierende Scheibe erreichten die Pakete nach einer halben oder ganzen Umdrehung den Ausgangspunkt der Scheibe und wurden abgeleitet. Per Förderband ging es wieder nach oben ins Erdgeschoss und dort zur Feinverteilung. Hersteller der Anlage war die Firma Mix & Genest, später AEG (Quelle: Handwörterbuch des Postwesens, S. 361, bei books.google.de).



Und wie sieht das Paketzentren der Zukunft aus?

Der Vergleich von früher und heute verdeutlicht, dass zahlreiche menschliche Arbeitsschritte bei der Paketsortierung automatisiert wurden. Der grundsätzliche Ablauf und Aufbau eines Paketzentrums erinnert aber noch verblüffend stark an die 20er Jahre.

Mitte der 2000er Jahre unternahm der ehemalige Postmanager Dieter Seegers-Krückeberg den Versuch, einen noch stärker automatisierten Paketdienst zu gründen. Bei der Red Parcel Post sollte "jede einzelne Paketsendung statt bisher in drei oder vier Arbeitsschritten nun nur noch in zwei Schritten sortiert und zugestellt werden" (Quelle: www.welt.de). Dem Vorhaben gingen jedoch die Investoren aus.

Erst das rasante Wachstum von Amazon bescherte der Paketbranche wieder ein paar Innovationen. Amazon kaufte 2012 das Robotik-Unternehmen Kiva und setzt seitdem weltweit 100.000 Transportroboter in seinen Lagern ein. Kuriere von Amazon Logistics müssen keine Pakete in ihre Lieferwagen einsortieren sondern bekommen vorgepackte Taschen (Paketda berichtete). Außerdem kennt Amazon den Wert jedes Pakets und kann dadurch dynamisch entscheiden, ob eine Empfängerunterschrift notwendig oder verzichtbar ist.

Um menschliche Arbeitskraft (Kosten) zu sparen, wird die Paketbearbeitung in Zukunft noch stärker automatisiert. Ralf Garlichs, Manager bei Siemens Logistics, erzählte im Postalhub-Podcast von einem "touchless hub". Der Begriff beschreibt ein Paketzentrum, das von der Anlieferung bis zur Endstelle ohne menschliche Arbeitskräfte auskommt.

Ein "touchless hub" sei heutzutage schon in Teilen möglich, so Garlichs im Podcast ab Minute 11:00. Siemens bietet beispielsweise ein System zur maschinellen Entladung von LKW an. Das automatische Einladen von Paketen in LKW ist hingegen noch nicht möglich.

Niemals automatisiert werden vermutlich alle Arbeitsschritte, die von einer standardisierten Norm abweichen. Also z.B. das Nachverpacken beschädigter Pakete, die Codierung unlesbarer Adressen und die Lieferung an die Haustür des Empfängers. Das wird 2030 noch so sein wie 1930.


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