Wallraff bei Amazon: App trackt das Fahrverhalten von Zustellern

Screenshot von RTL: Günter Wallraff bei Amazon
In 2012 recherchierte Günter Wallraff undercover beim Paketdienst GLS und erregte damit großes Aufsehen (Paketda berichtete). Jetzt in 2021 stellte er ähnliche Recherchen bei Amazon an, um Missstände in der Logistik aufzudecken.

Wallraff, der inzwischen 78 Jahre alt ist, arbeitete jedoch nicht selbst bei Amazon, sondern schleuste Mitglieder seines Teams bei Amazon ein. Einer arbeitete als Paketzusteller, zwei andere in Logistikzentren. Den Beitrag gibt es bei tvnow.de zum Ansehen.

Eine Parallele zu den früheren GLS-Recherchen ist, dass auch Amazon einen internen Strafenkatalog für Zusteller hat. Gegenüber RTL bestreitet Amazon zwar das Vorhandensein eines Strafregisters, aber in der TV-Reportage wird das System glaubwürdig vorgestellt.

Und zwar von einem Amazon-Schulungsleiter, der beispielsweise erklärt, dass ein Zusteller eine Woche lang nicht für Amazon arbeiten darf, wenn sein Scanner auf dem Amazon-Gelände zwei Mal offline ist. Ein von RTL befragter Fachanwalt sagte dazu, dass Amazon Zusteller von der Arbeit freistellen dürfe, aber währenddessen müsse der Lohn weitergezahlt werden.

Die sogenannte "Mentor"-App registriert auch das Fahrverhalten von Amazon-Zustellern, z.B. das Beschleunigungs- und Bremsverhalten. Indem Mitarbeiter auf schlechtes Fahrverhalten hingewiesen werden, sollen u.a. Beschädigungen an den geladenen Paketen verhindert werden. Gegenüber RTL gibt Amazon die Auswertung des Fahrverhaltens zu. Die App solle die allgemeine Verkehrssicherheit erhöhen.

Positiv: Die Fahrer-App weist auf die Einhaltung der Mittagspause hin. Allerdings kann die Meldung einfach weggeklickt werden ("Mittagspause verwerfen"). Zum Undercover-Reporter sagte ein Amazon-Fahrer, dass Amazon den Mitarbeitern täglich 30 Minuten klauen würde, weil viele Leute die Mittagspause durcharbeiteten, um die Tour zu schaffen. Wer zu früh mit der Tour fertig ist, bekommt künftig mehr Pakete zugeteilt. Schafft ein Fahrer seine Tour nicht in der vorgegebenen Zeit, und kann dies nicht begründen, "dann Kündigung", so der Schulungsleiter im RTL-Bericht.

Der Arbeitsdruck auf die Zusteller beginnt schon frühmorgens beim Beladen der Zustellfahrzeuge. Angeblich stehen dafür genau 15 Minuten zur Verfügung. Ein sogenannter Yard Marshall macht während des Beladevorgangs alle paar Minuten eine Zeitansage per Megafon.

Am Ende der Arbeitswoche hat der Undercover-Reporter seine tatsächlichen Arbeitszeiten ausgewertet und den Stundenlohn ausgerechnet: 7,78 Euro. Das liegt unterhalb des Mindestlohns von 9,60 Euro. "Das ist eine Ordnungswidrigkeit, im Wiederholungsfall kann das sogar eine Straftat des Arbeitgebers sein", so die Einschätzung des Rechtsanwalts bei RTL.

Amazon teilte RTL mit, dass die Vorwürfe untersucht werden und die Zusammenarbeit mit dem entsprechenden Subunternehmer ruhe. Der Subunternehmer wurde außerdem angewiesen, seinerseits keine Subunternehmer zu beauftragen. Der Subunternehmer wurde von RTL um eine Stellungnahme gebeten, ließ über einen Anwalt jedoch ausrichten, dass er sich nicht äußere.

Quellen: stern.de | rtl.de | rtl.de



Nachtrag: Amazon-Deutschlandchef Ralf Kleber hat in einem Blogbeitrag auf die RTL-Berichterstattung reagiert. Darin wird u.a. erklärt, dass die Mentor-App nicht von Amazon komme, sondern von einem Drittanbieter. Diese App sei bei einigen Subunternehmern im Einsatz.

Zum Thema Arbeitsbelastung sagt Amazon:

"Wenn Überstunden anfallen, sind unsere Partner vertraglich verpflichtet, die Zusteller:innen entsprechend zu vergüten. Die Routen sind jedoch für maximal 9 Stunden pro Tag geplant, einschließlich der Wartezeit vor dem Verladen, der Zeit für das Aufladen der Pakete und die Rückgabe der Taschen oder nicht zugestellter Pakete an die Zustellstation am Ende der Route. Wir verfügen über eine hervorragende Technologie, die die Lieferrouten so plant, dass sie sicher und realisierbar sind. Der lernende Algorithmus berücksichtigt dabei zahlreiche Faktoren, wie z. B. Paketvolumen, Komplexität der Adressen, Verkehrssituation und angemessene Pausenzeiten. Es handelt sich bei der Routenplanung um Vorschläge, die für die Lieferpartner und ihre Zusteller:innen nicht verpflichtend sind. In etwa 90 Prozent der Fälle beenden die Zusteller:innen ihre Routen pünktlich oder sogar früher."


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