Günter Wallraff undercover beim Paketdienst GLS

Günter Wallraff liest im GLS-Kundenmagazin
Am 30.05.2012 zeigte RTL eine Fernsehdokumentation des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff, der sich undercover beim Paketdienst GLS einschleuste.

Wallraff wollte auf diesem Wege die Arbeitsbedingungen in der Paketbranche auskundschaften. Er erhebt den Vorwurf, dass GLS keine eigenen angestellten Fahrer beschäftige, um z.B. das Bußgeldrisiko für nicht eingehaltene Arbeitszeiten auf Subunternehmer abzuwälzen.

Diese Subunternehmer wiederum würden von GLS mit strengen Auflagen und niedrigen Paketstückpreisen an der kurzen Leine geführt. So soll GLS beispielsweise Strafen für ungewaschene Autos verhängen, oder wenn ein Fahrer keine GLS-Arbeitskleidung trägt.

Wallraff wollte GLS einen Tag vor der Ausstrahlung mit den Vorwürfen konfrontieren und um Stellungnahme bitten. Er fuhr hierzu in die Firmenzentrale nach Neuenstein, wartete stundenlang beim Pförtner, doch ein Interview wurde ihm nicht gewährt.

Die Gewerkschaft Verdi hat die Recherchen Günter Wallraffs in diesem PDF abgedruckt (ab Seite 38). Es handelt sich bei dem Text um eine Reportage aus der "Zeit" vom 31.05.2012.


Das erlebte Wallraff als GLS-Zusteller

Eine Anmerkung vorab: Der nachfolgende Text beschreibt eine Situation, die Günter Wallraff in 2011/2012 erlebte. Nach mittlerweile 10 Jahren können sich Verbesserungen ergeben haben. Der Gesetzgeber hat u.a. ein Paketbotenschutzgesetz erlassen.

Im November 2011 begannen Wallraffs Recherchen beim Paketdienst GLS. Er konnte das Vertrauen einiger Zustellfahrer gewinnen und nahm an deren Seite an Auslieferfahrten teil.

So lernte Wallraff den harten Arbeitsalltag von Paketzustellern kennen, der oftmals schon um 5 Uhr morgens beginnt und nicht vor 18 Uhr zu Ende ist. Offiziell werden die Fahrer zwar dazu angehalten, die gesetzlichen Pausen für Berufskraftfahrer einzuhalten - doch in der Praxis machen viele GLS-Fahrer kaum Pausen sondern arbeiten durch.

Laut Wallraffs TV-Reportage sollen sogar Einträge in den Fahrtenkontroll-Büchern gefälscht werden, damit sich bei Polizeikontrollen keine Auffälligkeiten ergeben. Und falls doch mal ein Bußgeld wegen fehlender Pausen, zu schnellen Fahrens oder Falschparkens verhängt wird, sind diese Strafen entweder vom Fahrer oder vom Subunternehmer zu zahlen.

GLS beschäftigt keine eigenen Zustellfahrer, sondern beauftragt mit den Fahrten vom GLS-Depot zu den Endkunden zwischengeschaltete Subunternehmer. Wallraff recherchierte auch bei diesen Subunternehmern und stellte fest, dass sie genauso finanziell gebeutelt sind wie die Zustellfahrer.


GLS und das Subunternehmer-Netzwerk

Weil GLS keine eigenen Zustellfahrer beschäftigt, wird das unternehmerische Risiko allein von den Subunternehmern getragen. Sie schließen einen sog. Lohnfuhrvertrag mit GLS und werden pro ausgeliefertem Paket vergütet.

Dieses Abrechnungsmodell wird auf die Zusteller übertragen, die ebenfalls eine Pauschalvergütung pro zugestelltem Paket erhalten. Wird ein Paket wieder mit zurück ins Depot gebracht, gibt es kein Geld.

Dadurch kommen die meisten GLS-Zusteller nach Wallraffs Recherchen auf einen Stundenlohn von 3 bis 5 Euro. Wobei es einen Stundenlohn im eigentlichen Sinne bei GLS ja nicht gibt, sondern er lediglich grob anhand der pro Stunde ausgelieferten Pakete errechnet werden kann.


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GLS und der interne Strafenkatalog

Ein besonders merkwürdiges Instrument zur Mitarbeiterkontrolle und -steuerung ist ein interner Bußgeld-Katalog von GLS. Dieser ist Bestandteil zwischen GLS und seinen Subunternehmern, doch viele Subunternehmer geben die Strafen 1:1 an ihre Zustellfahrer weiter. Ein verschmutztes GLS-Fahrzeug kostet z.B. 20 bis 70 Euro Strafe, wenn man den Enthüllungen von Günter Wallraff glaubt. Weitere Strafen werden berechnet für:

  • Rauchen in der GLS-Sortierhalle: 25 Euro
  • Paketzustellung ohne Unterschrift: 77 Euro
  • Verladetore öffnen vor Sortierende: 50 Euro
  • Ungerechtfertigte Adressklärung: 12 Euro
  • Zusteller trägt keine GLS-Kleidung: 15 bis 50 Euro
  • Paket werfen oder fallen lassen: 50 Euro

In dem Fernsehbericht von G. Wallraff wurde gezeigt, dass Mitarbeiter von GLS mit obigem Strafenkatalog direkt auf die Zustellfahrer Einfluss nehmen, obwohl zwischen GLS und den Zustellern gar kein Arbeitsverhältnis besteht.

Schließlich besteht dieses nur zwischen Zustellern und Subunternehmern. Wenn GLS den Zustellern Weisungen erteilt und sie kontrolliert, könnte eine unzulässige Scheinselbstständigkeit vorliegen. Wallraff berichtete auch über Kontrollanrufe auf den Handys von GLS-Zustellern und kostspielige Kurierfahrten, die GLS beauftragt, wenn ein Paket an einem Tag nicht rechtzeitig ausgeliefert wurde.

All diese Strafen und Kosten werden den Subunternehmern von GLS in Rechnung gestellt, so dass deren Verdienst stark schwanken kann - oder in den wirtschaftlichen Ruin treibt. Wallraff interviewte einen ehemaligen Subunternehmer von GLS, der von ungerechtfertigten Strafgeldern erzählte, die GLS plötzlich von ihm einforderte, als er das Vertragsverhältnis mit GLS auflösen wollte.


Folgen von Wallraffs Recherchen bei GLS


Günter Wallraff versuchte mehrfach, die Verantwortlichen von GLS um eine Stellungnahme vor die Kamera zu bekommen. Doch vergebens. Selbst als Wallraff zur GLS-Zentrale nach Neuenstein fuhr, wurde ihm jegliches Interview seitens der Geschäftsführung verweigert. Auch in einer Diskussionsrunde bei "stern TV", die im Anschluss an Wallraffs Dokumentation gesendet wurde, nahm kein GLS-Vertreter teil.

Stattdessen gelobte jedoch ein Sprecher des ebenfalls oft kritisierten Paketdienstes Hermes Besserung. So will Hermes in Zukunft das System aus Subunternehmern deutlich "entschlacken" und die Anzahl der Zwischenstationen beim Pakettransport reduzieren. Denn jede Zwischenstation will am Transport mitverdienen, und so kommt letztlich beim Paketzusteller nur wenig Geld an.

Stattdessen will Hermes künftig von einer Bezahlung pro Paket abrücken und einen Stundenlohn zahlen, der leistungsunabhängig ist. Von den Hermes-Zustellern würde damit der enorme Druck abfallen, möglichst viele Pakete am Tag zuzustellen.

Inwiefern GLS seine Arbeitsstandards verbessern wird, bleibt auch nach Wallraffs erschütternden Erkenntnissen unklar. Die PR-Agentur "Stroomer" veröffentlichte für ihren Kunden, den Paketdienst GLS, am Tag nach der Ausstrahlung folgendes Statement:

Der Fernsehsender RTL hat gestern Abend eine Reportage des Journalisten Günter Wallraff ausgestrahlt, in der es um die Arbeitsbedingungen von Zustellfahrern geht. Bei GLS wurde dazu heimlich gefilmt und recherchiert.

Die Transportunternehmen werden bei der Erledigung von Transportaufträgen von GLS zur Beschäftigung von Fahrern in rechtskonformen, sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen verpflichtet.

Und auch das ist uns wichtig: Die GLS Gruppe akzeptiert keine despektierlichen Äußerungen über Subunternehmen und deren Fahrer in ihrem Unternehmen. Wir legen Wert auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die im Rahmen der Gesetze gestaltet wird.

Vor diesem Hintergrund bedauern wir die einseitige und verkürzte Berichterstattung sehr. Wir sind stolz auf unsere Transportunternehmer und deren Fahrer, die GLS im Außenverhältnis repräsentieren.

Mit freundlichen Grüßen

Rico Back               Klaus Conrad
CEO GLS Group      COO GLS Group



Nachtrag vom 12.06.2012:

Nach Wallraff-Enthüllung: Hermes will sich bessern

Obwohl Günter Wallraff mit seinen Undercover-Recherchen in erster Linie den Paketdienst GLS kritisiert hat, wurden nun auch viele Mitbewerber in der Branche aufgeschreckt. Als erster Paketdienst hat Hermes angekündigt, die Arbeitsbedingungen seiner Zusteller zu verbessern.

Weil Hermes keine eigenen Paketboten beschäftigt, sondern diese Tätigkeit an Subunternehmen ausgelagert hat, will Hermes nun dort durchgreifen. Dem Handelsblatt sagte Hanjo Schneider, Vorstand bei der Hermes-Mutter OTTO, dass man einen 8-Stunden-Tag anstrebe und den Zustellern einen festen Lohn zwischen 7 und 8,50 Euro als Untergrenze zahlen wolle. Das wäre eine Abkehr von der Stückvergütung pro zugestelltem Paket.

Allerdings räumt Hermes ein, dass man den Subunternehmern nur schwer Vorgaben machen könne und die Umsetzung deshalb nicht einfach sei. Die Gewerkschaft Verdi fordert einen Mindestlohn von 11 Euro pro Stunde für Paketzusteller.


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