Wird DHL das hohe Paketaufkommen in der Zeit vor Weihnachten bewältigen? Die Gewerkschaft DPVKOM äußert daran erhebliche Zweifel und zeichnet in ihrer aktuellen Mitgliederzeitschrift ein düsteres Bild. Dort heißt es: "Selbst in den Sommermonaten, in denen normalerweise aufgrund der Urlaubszeit weniger Sendungen anfallen, herrscht in den meisten Niederlassungen Land unter."
Die 2022 eingeführte Flexibilisierung hat sich laut DPVKOM nicht bewährt. Die Deutsche Post begann damals, Zustellbezirke je nach Sendungsaufkommen flexibel zu vergrößern oder zu verkleinern, um die Arbeitslast für Zusteller gleichmäßiger zu verteilen.
Die Gewerkschaft sieht jedoch keine Verbesserung, im Gegenteil: Es gebe derzeit "massive Probleme" in der Zustellung. Zitat: "Abbrüche und nicht zugestellte Bezirke sind an der Tagesordnung und demotivieren die Beschäftigten." Laut DPVKOM sollen tausende Zusteller das Unternehmen verlassen haben, doch diese Behauptung ist nicht bewiesen.
Glaubhafter erscheint die Aussage der Gewerkschaft, dass die Deutsche Post zunehmend ausländische Leiharbeiter einsetzt, um die "löchrige Personaldecke" zu stopfen. Post-Lobbyisten hatten sich bereits seit langem für die Entfristung der sogenannten Westbalkanregelung eingesetzt, was im Sommer 2024 schließlich auch umgesetzt wurde und die Beschäftigung von Nicht-EU-Arbeitnehmern erleichtert.
Ein anonymer Leserbrief im DPVKOM-Magazin berichtet außerdem, dass die Deutsche Post verstärkt damit begonnen habe, bislang "offline" in den Köpfen der Zusteller vorhandene Informationen zu digitalisieren. Es könnte sich z.B. um Details wie die Öffnungszeiten von Firmenkunden, besondere Zustellvereinbarungen, Wegehinweise oder informelle Absprachen zwischen Zusteller und Empfänger handeln.
Künftig sollen alle relevanten Informationen im Handscanner abrufbar sein, sodass jeder Zusteller in jedem Bezirk arbeiten kann, ohne spezielle Vor-Ort-Kenntnisse zu haben. Aus Kundensicht wäre dies positiv, da die Zustellqualität bislang oft spürbar schwankt, je nachdem, ob ein erfahrener oder unerfahrener Zusteller im Einsatz ist.
Laut op-online.de werden sogenannte Bezirksbesonderheiten von Zustellern und der Stützpunktleitung eingespeichert. Das können beispielsweise Warnungen vor Hunden sein, vor fehlenden Wendemöglichkeiten oder Vordächern (Gefahr beim Rangieren). Auch wenn ein Kunde nach dem Klingeln etwas länger bis zur Tür braucht, kann dies im Handscanner vermerkt werden.
Neue Personalstrategie bei der Post
So berichtete Paketda im Oktober 2022
Die Rheinische Post schreibt von einer geänderten Personalstrategie im Konzernbereich Post & Paket Deutschland. Vorständin Nikola Hagleitner habe intern angeordnet, "dass Vorgesetzte stärker danach bewertet werden, dass sie ihre Leute halten als nur nach reinen Gewinnvorgaben."
Als Informant führt die Zeitung einen Betriebsrat an, der sagte, dass der oberen Management-Ebene "gute Personalführung" im Moment wichtiger werde. "Wer die Leute rausekelt, dem droht selbst der Rauswurf", so der anonyme Betriebsrat zur Rheinischen Post.
Die neue Anweisung, Mitarbeiter länger im Betrieb zu halten, gilt offensichtlich den Niederlassungsleitern. Deren Zielvorgaben hingen früher wohl (zu) stark von wirtschaftlichen Kennzahlen ab. Durch hohe Zusteller-Fluktuation konnten die Löhne vielleicht niedrig gehalten werden, weil nur wenige Mitarbeiter durch lange Betriebszugehörigkeit eine bessere Lohnstufe erreichten. Das ist aber nur Spekulation.
In letzter Konsequenz kann sich die Unzufriedenheit unter Zustellern auf die gesamte Vorstandsriege der Deutschen Post AG auswirken. Deren Jahreserfolgsvergütung hängt nämlich u.a. davon ab, wie viele Mitarbeiter dieser Aussage zustimmen: "Ich bin stolz auf den gesellschaftlichen Beitrag meines Unternehmens." Im letzten Jahr stimmten 84% der Mitarbeiter zu. Falls der Wert unter 80% rutscht, sind 10% der Jahreserfolgsvergütung des Vorstands gefährdet.
Nachtrag vom Dezember 2022: Der Deutschen Post ist es gelungen, seit Oktober rund 6.000 neue Zusteller/innen einzustellen und 10.000 befristet Beschäftigten eine Festanzustellung zu geben. Das wirke sich positiv auf die Liefersituation aus (Quelle: merkur.de). In einem NDR-Interview sagte zudem ein Verdi-Funktionär, dass die Deutsche Post im Raum Hamburg generell von befristeten Arbeitsverträgen absieht. Nicht jedoch in Kiel, Rostock und Niedersachsen.
Mehr als 10.000 Zusteller gekündigt
Die Post-Gewerkschaft DPVKOM hat sich zu den aktuellen Lieferverzögerungen bei Deutsche Post DHL geäußert. Die Bundesvorsitzende Christina Dahlhaus spricht von hausgemachten Problemen.
Erschreckend: Laut DPVKOM haben "in den zurückliegenden Monaten mehr als 10.000 Zustellerinnen und Zusteller das Unternehmen notgedrungen verlassen". Entweder haben die Mitarbeiter selbst gekündigt, oder ihre befristeten Verträge wurden nicht verlängert.
Laut DPVKOM seien 17 bis 20 Prozent der Zusteller bei Deutsche Post DHL befristetet angestellt. Das entspricht ungefähr den Zahlen, die auch von der Gewerkschaft Verdi veröffentlicht wurden. Im NDR Fernsehen (www.ndr.de) sagte Verdi-Gewerkschafter Lars-Uwe Rieck, dass ca. 15% der Zusteller befristet angestellt seien. Angeblich scheue die Deutsche Post davor zurück, die Verträge nach 2 Jahren zu entfristen, so dass viele Mitarbeiter das Unternehmen verlassen würden.
Deutsche-Post-Betriebschef Thomas Schneider bezifferte die Zustellprobleme in der Bild am Sonntag wie folgt:
- Jeden Tag fällt in ca. 100 von bundesweit 50.000 Zustellbezirken die Briefzustellung aus. Das sind 0,2 %.
- Jeder zwölfte Brief wird verspätet zugestellt. Das sind 8,33%.
Umstritten: Flexibilisierung der Zustellbezirke bei Deutsche Post DHL
So berichtete Paketda am 12. Oktober 2022
Anfang 2022 machte die Gewerkschaft DPVKOM Pläne von Deutsche Post DHL öffentlich, mit denen Zusteller stärker ausgelastet werden sollen. Vereinfacht gesagt sollen "zu früh" beendete Arbeitstage vermieden werden, indem Zusteller an mengenschwachen Tagen einen größeren Zustellbezirk bekommen. Sie müssen dann in einigen Straßen zusätzlich Post austragen. An Tagen mit hohen Sendungsmengen wird die Ausliefertour hingegen kürzer.
Die Flexibilisierung soll bewirken, dass Zusteller jeden Tag gleich ausgelastet sind und nicht zu früh Feierabend machen. Dieses System geht zu Lasten von Mitarbeitern, die ihre Tour überdurchschnittlich schnell schaffen. Sie bekommen folglich mehr Sendungen zugeteilt und verlieren die Motivation, sich durch Schnelligkeit einen frühen Feierabend zu erarbeiten.
Deutsche Post DHL als Arbeitgeber argumentiert, dass die flexiblen Zustellbezirke auch eine Überlastung der Arbeitskräfte verhindern. Denn je größer das Sendungsaufkommen, desto kürzer die Ausliefertouren, so dass die Höchstarbeitszeit nicht überschritten wird.
In der Paketzustellung wird seit vielen Jahren nach diesem Modell gearbeitet. In der Brief- und Verbundzustellung wurde die Umstellung mutmaßlich Anfang 2022 begonnen. Ob sie inzwischen deutschlandweit durchgeführt wurde, ist Paketda nicht bekannt.
Angesichts der Zustellprobleme bei der Deutschen Post im Sommer sind Zweifel an der Flexibilisierung angebracht. Rein spekulativ könnte es sogar sein, dass die Probleme durch die Flexibilisierung (mit-) verursacht wurden, denn in den Sommern der Vorjahre gab es derart heftige Ausfälle nicht.
Die Deutsche Post gibt selbst zu, dass in einigen Regionen Personalmangel herrscht und darunter die Zustellung leidet (Beispiel: Luhden in Niedersachsen). Ein Postkunde aus Nürnberg beschwerte sich bei der Deutschen Post und erhielt folgende Antwort:
"Auch wir legen einen großen Wert auf eine zuverlässige Auslieferung der uns anvertrauten Sendungen. Daher haben wir aufgrund Ihrer Schilderungen sofort Kontakt mit der örtlichen Betriebsleitung aufgenommen. Von dort wird uns berichtet, in den vergangenen Wochen kam es aufgrund von kurzfristigen und nicht vorhersehbaren Personalausfällen, die nicht kompensiert werden konnten, zu Störungen im Betriebsablauf.
In Folge dessen stieg der Arbeitsvorrat auf ein weit über das sonst übliche Maß an und konnte nicht so rasch aufgearbeitet werden. Dies hatte auch zur Folge, dass Sendungen für Postfachempfänger, die an die Hausadresse gerichtet waren und daher erst von der Zustellung an die Postfachanlage weitergegeben werden mussten, ebenfalls erheblich verzögert wurden. Wir bedauern sehr, dass auch Ihre private sowie geschäftliche Briefpost davon betroffen war."
Wie aber sollen Zustellbezirke flexibel zugeschnitten werden, wenn es aufgrund Personalmangels keine zusätzlichen Mitarbeiter für sendungsstarke Tage gibt?
Je flexibler ein Zustellbezirk ist, desto kleiner ist außerdem der Stammbezirk eines Zustellers. Beliefert ein Zusteller bestimmte Straßen unregelmäßig, wird die Tour dort mangels Ortskenntnissen länger dauern als im Stammbezirk. Möglicherweise droht sogar ein Tourabbruch, wodurch sich die Arbeit an den Tagen danach weiter aufstaut.
Die Gewerkschaft Verdi ist der Meinung, dass "es mitnichten um Flexibilisierung geht, sondern vielmehr um eine Arbeitsverdichtung" (Quelle). Laut Verdi seien Folgen der Flexibilisierung hohe Krankenstände sowie Kündigungen.