Zusteller hortete 64 Kisten mit Briefen in seiner Garage

Symbolfoto mit Garagen
"Die Wege sind eigentlich klar und kurz. Warum der Kundenservice nicht geklappt hat, müssen wir noch prüfen.", erzählt Post-Pressesprecher Rainer Ernzer dem Westfälischen Anzeiger (WA). Die Zeitung hat nämlich aufgedeckt, dass ein Briefträger kistenweise Post nicht austrug sondern in seiner privaten Garage lagerte. Dort wurden sie von einem Nachbarn entdeckt, der das offene Garagentor schließen wollte.

Bereits seit August 2018, als die Unregelmäßigkeiten in der Briefzustellung begannen, gab es laut WA Kundenbeschwerden bei der Post. Einige Bergkamener riefen die Post-Hotline an, andere reklamierten direkt bei den Postboten. "Einer sagte mir mal, er müsse zwei bis drei Stunden länger machen, weil an vielen Häusern die Türen aufgingen und die Leute nach ihrer Post fragten", sagte ein Anwohner zur Zeitung.

Die Deutsche Post hat offensichtlich alle Kundenbeschwerden in den Wind geschlagen, so dass der mittlerweile entlassene Briefträger monatelang Sendungen unterschlagen konnte. 64 Kisten sollen es gewesen sein. Die meisten Briefe sind noch verschlossen und unbeschädigt; sie werden jetzt nach Freigabe durch die Polizei an die Empfänger ausgeliefert. Geöffnete Post gehe an die Absender zurück.



Der Fall erinnert beinahe 1:1 an die 900 Pakete, die ein ehemaliger Hermes-Zusteller hortete, ohne dass es Vorgesetzten auffiel (Paketda berichtete). Gewöhnliche Briefsendungen sind im Gegensatz zu Paketen zwar nicht verfolgbar, trotzdem hätte die Post Möglichkeiten gehabt, den Fall früher aufzuklären. In der Vergangenheit wurden in anderen Regionen beispielsweise verdeckte Ermittler eingesetzt sowie Testbriefe verschickt. Unklar, warum das in Bergkamen nicht geschah und warum keine der zahlreichen Kundenbeschwerden ernst genommen wurde. "Das, was die Post da macht, grenzt an hochgradige Unverschämtheit und Ignoranz", sagte ein Bergkamener zum WA.

Manche Bürger mussten aufgrund nicht zugestellter Rechnungen Mahngebühren bezahlen. Ein geblitzter Autofahrer zahlte anstatt 10 Euro Verwarngeld schließlich 35 Euro inklusive Mahngebühren. Die Behörde glaubte ihm nicht, dass der ursprüngliche Bußgeldbescheid nicht angekommen sei. Eine andere Frau hatte mit ihrer Krankenkasse mehr Glück. Aufgrund der Berichterstattung im Westfälischen Anzeiger konnte sie die Probleme mit der Briefzustellung glaubhaft machen.

Die Deutsche Post hat einigen Betroffenen, die sich beschwert haben, Briefmarken zugeschickt. Auf eine größere Entschädigung gebe es keine Hoffnung. "Wir haften nicht für gewöhnliche Post", soll Pressesprecher Rainer Ernzer zum WA gesagt haben.

Ob sich die Post da mal nicht irrt. Denn die Briefe sind nicht versehentlich liegen geblieben sondern wurden vom Briefträger absichtlich in der Garage gehortet. Dieser Fall ist in Abschnitt 6 in den AGB der Deutschen Post ausdrücklich beschrieben:

"Die Deutsche Post haftet für Schäden, die auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen sind, die sie, einer ihrer Leute oder ein sonstiger Erfüllungsgehilfe (§ 428 HGB) vorsätzlich oder leichtfertig und in dem Bewusstsein, dass ein Schaden mit Wahrscheinlichkeit eintreten werde, begangen hat, ohne Rücksicht auf die nachfolgenden Haftungsbeschränkungen."

Als Kunde hat man also durchaus eine Chance, Schadenersatz zu bekommen, sofern die nicht zugestellten Briefe einen nachweisbaren Schaden verursacht haben. Dieser Schaden darf nicht immateriell sein ("Mein Kind hat geweint, weil es keine Geburtstagskarte bekam") sondern er muss finanziell bezifferbar sein. Beispielsweise durch entstandene Mahngebühren.

Die detaillierte Aufarbeitung des Falls gibt es in fünf Teilen beim Westfälischen Anzeiger:


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