Polizei fand 900 Pakete mit gefälschten Unterschriften: Warum merkte Hermes nichts?


Die Abteilung BI & Support Solutions bei Hermes kann allerhand herausfinden, zum Beispiel in welchen Stadtteilen die meisten Pakete zugestellt werden, wie alt die dortigen Empfänger im Durchschnitt sind und wie viel sie verdienen (Quelle). Abteilungsleiter Lars Schröder im Hermes-Newsroom: "Wir besitzen schon heute einen großen Datenschatz, der täglich weiter wächst."

Einem Dokument der PTA-Unternehmensberatung zufolge (PDF hier) ist es Hermes mit Big Data sogar möglich, "Anomalien in Sendungsströmen zwecks Aufdeckung von Stör- und Betrugsfällen" herauszufinden.

Offenbar muss Hermes die internen Analysen noch optimieren, denn mehr als 900 unterschlagene Pakete hat das Unternehmen erst bemerkt, als die Polizei anrückte. In mehreren Orten in Brandenburg wurden Lager ausgehoben, die ein Hermes-Bote angelegt hatte. Er fälschte alle Empfängerunterschriften und hortete die Pakete, anstatt sie zuzustellen.

Laut BILD.de war der Hermes-Zusteller wegen eines Drogendelikts verurteilt und befand sich auf Bewährung. Er wurde auf dem Gelände eines Hermes-Depots in Rathenow festgenommen und soll "300 Gramm Cannabis und rund 700 Gramm Ecstasy-Ta­blet­ten" bei sich gehabt haben.

Einen ausführlichen Bericht mit Fotos gibt es im Pressebereich der Polizei Brandenburg. Immerhin: Eine Hermes-Sprecherin sagte zu BILD, dass nur wenige Pakete geöffnet wurden.

Fraglich ist allerdings, warum Hermes die vermissten Pakete nicht früher aufgefallen sind. Man kann argumentieren, dass es früher vielleicht ähnliche Fälle gab, die Hermes intern aufklären konnte, bevor sie an die Öffentlichkeit gelangten. Aber hätten im aktuellen Fall lediglich 90 von 900 Kunden ihre Pakete als verloren gemeldet, wäre die Spur zum jetzt inhaftieren Zusteller unübersehbar gewesen. Wenn ein Zusteller 90 Reklamationen wegen vermisster Pakete erhält, muss das einem Vorgesetzten auffallen.

Dass Hermes die 900 vermissten Pakete nicht selbst bemerkt hat, basiert also mutmaßlich auf mangelhaften internen Analysen. Dass weniger als 90 Kunden eine Verlustmeldung eingereicht haben, ist unvorstellbar. Denkbar ist allerdings, dass sich viele Endkunden über vermisste Pakete beschwert haben und beim Hermes-Kundenservice abgewimmelt wurden. Denn im Artikel bei BILD.de rezitiert die Hermes-Pressesprecherin den wohlbekannten Vers: "Bei Onlinekäufen empfehlen wir dem Empfänger, sich mit seinem Versender in Verbindung zu setzen."

Möglicherweise gab es also Beschwerden beim Hermes-Kundenservice, die im System aber nicht erfasst wurden, weil der Endkunde kurzerhand an den Onlinehändler verwiesen wurde. Im Endeffekt können dann mangels Beschwerdedaten keine Paketverluste festgestellt werden.


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