Die Otto Group hat Hermes Germany wieder vollständig unter ihre Kontrolle gebracht. Der bisher mit 25% beteiligte Finanzinvestor Advent International ist raus. Seit dem 1. Januar 2026 wird Hermes Germany wieder voll in den Konzernabschluss der Otto Group einbezogen.
Für den Rückkauf des 25-Prozent-Anteils zahlte Otto laut Geschäftsbericht 118 Mio. Euro in bar. Bilanziell ist der Vorgang allerdings komplizierter: In der sogenannten Kaufpreisallokation wird eine Gegenleistung von 180 Mio. Euro ausgewiesen. Der Unterschied erklärt sich unter anderem durch IFRS-Bilanzierungseffekte aus der früheren Beteiligungsstruktur und aus bestehenden Rechtsverhältnissen innerhalb der Hermes-Gruppe, darunter ein konzerninternes Darlehen.
Gleichzeitig entstand ein Geschäfts- oder Firmenwert, also Goodwill, von 173 Mio. Euro. Vereinfacht gesagt: Auf dem Papier bestand Hermes Germany nur aus einem sehr geringen Nettovermögen von 7 Mio. Euro. Der eigentliche Wert liegt für Otto aber offenbar woanders: in der strategischen Bedeutung des Logistikgeschäfts, im direkten Kundenzugang und in größerer Unabhängigkeit von Wettbewerbern. Genau damit begründet Otto den entstandenen Goodwill.
Hermes Germany ist für Otto also nicht nur ein Paketdienstleister, sondern ein strategischer Baustein im E-Commerce. Wer eigene Logistik kontrolliert, ist weniger abhängig von externen Paketdiensten und behält mehr Einfluss auf Zustellung, Kundenerlebnis und Retourenabwicklung. Wichtig ist aber auch: Der Goodwill bedeutet nicht, dass Otto zusätzlich 173 Mio. Euro überwiesen hat. Er zeigt nur, dass Otto Hermes Germany strategisch höher bewertet als das reine Nettovermögen in der Bilanz.
Hermes schreibt weiter Verluste, aber weniger als zuvor
Wirtschaftlich ist Hermes Germany noch nicht am Ziel. Der Paketdienst hat sich zwar finanziell verbessert, schreibt aber weiterhin rote Zahlen. Im Geschäftsjahr 2025/26 verzeichnete Hermes Germany bis zum Ausstieg von Advent (Ende 2025) weiterhin einen Verlust. Auch nach der vollständigen Einbeziehung in den Otto-Konzernabschluss leistete Hermes noch einen negativen Ergebnisbeitrag. Allerdings fielen die Verluste deutlich geringer aus als im Vorjahr.
Otto-Vorstandsmitglied Katy Roewer sagte bei der Pressekonferenz, dass die 2025 ergriffenen Restrukturierungsmaßnamen wirken und noch bis 2027 laufen. Sie sollen dazu führen, dass Hermes Germany "mittelfristig profitabel wird". Sie richtete zudem persönliche Worte an die betroffenen Mitarbeiter:
"Wir haben großen Respekt für das, was ihr da mitmacht. Das sind einschneidende Maßnahmen. Dass die Kollegen so mitziehen, auch die Arbeitnehmervertreter, dafür sind wir sehr dankbar. Das empfinden wir als starkes Signal für den Zusammenhalt in der Gruppe."
Restrukturierung läuft bis 2027
Der Umbau bei Hermes Germany ist noch nicht abgeschlossen. Über drei Jahre hinweg werden 850 Stellen abgebaut (Paketda berichtete). Etwa die Hälfte der betroffenen Stellen liegt im gewerblichen Bereich, die andere Hälfte im kaufmännischen Bereich. Und ungefähr die Hälfte der gewerblichen Beschäftigten erhalten alternative Jobangebote. "Das wird auch gut angenommen.", so Katy Roewer.
Trotz Stellenabbau und Restrukturierung investiert die Otto Group in Hermes. Laut Geschäftsbericht fließen Gelder unter anderem in IT-Infrastruktur, bestehende Software, neue Scanner für Paketshops und Paketzusteller sowie in Fördertechnik in Sortierzentren.
Im Geschäftsbericht nennt Otto das Restrukturierungsprogramm bei Hermes im Zusammenhang mit sogenannten Turnaround-Risiken. Gemeint ist das Risiko, dass die Neuausrichtung einzelner Konzerngesellschaften nicht wie geplant gelingt. Allerdings wird dieses Risiko nicht mehr (wie früher) als sehr hoch, sondern nur noch als mittel eingestuft.
Otto schreibt, dass aufgrund schwieriger Marktbedingungen auch künftig neue Turnaround-Prozesse oder Schließungen nötig werden könnten. Diese Aussage bezieht sich nicht auf Hermes, sondern allgemein auf alle Unternehmensbereiche der Otto Group.
Sowohl Finanzvorständin Katy Roewer als auch Vorstandsvorsitzende Petra Scharner-Wolff schlossen künftige Veränderungen in der Otto Group nicht aus. Auf die Rückfrage eines Journalisten der Börsenzeitung erklärte Scharner-Wolff:
"Wir überprüfen fortlaufend unser Portfolio. [...] Es kann schon sein, dass es zu Veränderungen im Portfolio kommt. Aber wir haben aktuell nichts in der akuten Bearbeitung. Aber da Sie ja bis 2030 gefragt haben, kann das schon gut sein."
Das ist bei weitem keine Verkaufsankündigung für Hermes. Es ist aber auch keine bedingungslose Bestandsgarantie. Otto will bis 2030 ein wachstumsorientiertes, wettbewerbsfähiges und technologiegetriebenes Portfolio haben. Unternehmensteile, die dauerhaft nicht dazu passen oder wirtschaftlich nicht stabilisiert werden können, dürften deshalb weiter unter Beobachtung stehen.
Die wohl wichtigste Erkenntnis aus Geschäftsbericht und Bilanzpressekonferenz lautet: Hermes Germany ist für Otto im Moment noch wichtig genug, um nicht einfach fallengelassen zu werden. Der Rückkauf des Advent-Anteils, der hohe Goodwill und die geplanten Investitionen zeigen, dass Otto weiter auf Hermes setzt.
Gleichzeitig bleibt Hermes ein Sanierungsfall. Die Verluste wurden reduziert, aber nicht beseitigt. Der Paketdienst muss mittelfristig beweisen, dass der laufende Umbau zur Profitabilität führt.