ÖPNV-Zustellung könnte Paketdiensten wirtschaftlich schaden


Im aktuellen DVZ-Podcast werden verschiedene Ansätze für den Pakettransport in öffentlichen Verkehrsmitteln besprochen. Im letzten Drittel des Podcasts geht es um den "Hofer LandLieferbus" (HoLaLiBu), der im Landkreis Hof (Bayern) Personen befördert und bis Ende 2021 auch Waren. Ein Kooperationspartner war Hermes.

Projektleiter Dr. Ulrich Müller-Steinfahrt erklärt im Podcast folgende Schwierigkeit:

"Jedes Paket, das ich dem Paketdienstleister in seinem Zustellgebiet entnehme und selber ausliefere, würde die Ausliefertour (...) kannibalisieren. Und die große Krux im ländlichen Raum bei allen Paketdiensten ist, dass die Stoppdichte so gering ist, dass die Wirtschaftlichkeit einer Auslieferung auf Messers Schneide ... oder häufig gar nicht gegeben ist."

Laut Müller-Steinfahrt müsse man bei ÖPNV-Projekten "gewaltig aufpassen", ob dadurch die wirtschaftliche Situation eines Paketdienstleisters verbessert oder verschlechtert wird. Er sei hierzu in Diskussionen. Die Kooperationsbereitschaft könnte gesteigert werden, indem neuartige Zustellkonzepte nicht bloß im ländlichen Raum erprobt werden, sondern auch stadtnah, um eine Mischkalkulation zu erreichen.



ÖPNV-Chefin fordert: Nur noch 1 Paketdienst pro Stadt

So berichtete Paketda im Februar 2022

Seit knapp einem Jahr ist Anna-Theresa Korbutt Geschäftsführerin des ÖPNV-Verbunds in Hamburg (HVV). Zuvor arbeitete sie u.a. bei Speditionsunternehmen in Wien und kann deshalb Logistik- mit ÖPNV-Expertise verbinden.

Korbutt plädiert im BVL-Podcast dafür, dass in Städten nur noch ein einziger Paketdienst verkehren darf. Dieser soll eine zeitlich befristete Konzession erhalten, die z.B. alle 5 Jahre neu ausgeschrieben wird. Andere Paketdienste müssen Sendungen auf der letzten Meile durch den Konzessionsinhaber ausliefern lassen. Das soll den Verkehr entlasten.


"5 Mal am Tag klingelt bei mir ein Postbote, das kann ja nicht richtig sein. Ihr müsst die Städte zumachen. Ihr schafft es anders nicht.", meint Korbutt. Viele Citylogistikprojekte, wie z.B. die Paketzustellung per Lastenfahrrad, hält die Managerin für "richtige Einzelmaßnahmen, die aber in der Menge nicht funktionieren. (...) Wenn da jeder mit seinem Lastenfahrrad reinkommt, dann viel Spaß, dann kannst du die ganze Alster zupflastern."

Eine gebündelte Paketzustellung befürwortet beispielsweise der Oberbürgermeister von Dachau. Auf seiner Website schreibt Florian Hartmann, dass man die Paketzustellung ähnlich wie bei der Müllabfuhr ausschreiben könnte. Er würde das in Dachau gern ausprobieren.

2017 befürwortete sogar Postchef Frank Appel die Konsolidierung auf der letzten Meile. Er sagte, eine Stadt müsse den Mut haben, es auszuprobieren (Quelle). Seitdem ist jedoch nicht viel passiert, abgesehen von einigen regionalen Initiativen wie in Düsseldorf oder Grünfuchs in Göttingen.

Die HVV-Chefin ging noch auf das Thema Pakettransport per U-Bahn ein. Im BVL-Podcast erklärt sie, warum solche Vorhaben praxisuntauglich seien:

"Logistik und ÖPNV sind Massenbeförderungsmittel. Die müssen ganz viele Sachen in ganz kurzer Zeit von A nach B bekommen; ob Menschen, Pakete oder Paletten. In einem städtischen Raum, wo du ohnehin eine Maximalauslastung eines oder beider Systeme hast, brauche ich die nicht miteinander kombinieren. Mir soll mal jemand erklären, wie dieses Paket in die U-Bahn reinkommt. (...)

Du hast bei uns in den U-Bahnen eine Stopphaltezeit von 5 bis 8 Sekunden. (...) Wir wissen selber, wie viele Fahrstühle wir haben. Dann prügeln wir uns alle um diesen einen Fahrstuhl und hoffen, dass er funktioniert, damit du deinen Hubwagen da hochbekommst."

Im ländlichen Raum sei eine Kombination von ÖPNV und Logistik hingegen denkbar. In ländlichen Regionen hätten beide Systeme mit dem gleichen Problem zu kämpfen, nämlich geringer Auslastung. Korbutt könnte sich dort eine Zusammenarbeit vorstellen, sobald es autonome Fahrzeuge gibt: "Das finde ich hochgradig interessant, aber de facto beschäftigt sich fast niemand damit." Sie sei offen für Angebote von KEP-Dienstleistern, um Pilotprojekte in Angriff zu nehmen.

Bloß unterirdische Transporttunnel sollte der HVV-Chefin lieber niemand vorschlagen. Ihre Meinung dazu: "Ich höre mir an, dass irgendwelche Startups meinen, ganze Städte untertunneln zu müssen. (...) Wo ich mir denke: Viel Spaß in 40 Jahren, denn versuch mal, eine Stadt zu untertunneln. Das könnt ihr übrigens vom ÖPNV lernen (...); so ein Planfeststellungsverfahren dauert locker 30 Jahre, bevor du mal einen Spatenstich setzen kannst."

In der Schweiz wurde im Dezember 2021 ein Gesetz verabschiedet, um die unterirdische Güterbahn Cargo Sous Terrain zu ermöglichen. In Großbritannien gibt es das Startup Mole Solutions, von dem seit Jahren aber nichts mehr zu hören ist. In Hamburg wurde das Projekt Smart City Loop angeschoben.

Zum Thema kombinierter Personen- und Posttransport siehe Kraftpost bei Wikipedia.

Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) werden zurzeit die konzeptionellen Grundlagen für eine Gütertram erforscht. Das Projekt LogIKTram soll 2024 abgeschlossen sein. Mehr Infos unter www.ifv.kit.edu



Anzeige


Wissenschaftler prognostizieren Paketstationen mit Nachtbelieferung

Eine aktuelle Studie der "WHU Otto Beisheim School of Management" versucht, die Paketzustellung im Jahr 2040 zu prognostizieren. In einer Pressemitteilung heißt es:

"Die Experten gehen davon aus, dass das Modell der Zukunft Paketstationen sind: Ein gut ausgebautes Netzwerk an stationären Paketstation - ergänzt durch autonom fahrende Packstationen - erlaubt Logistikdienstleistern, auf die Wünsche ihrer Kunden einzugehen. Die Stationen können flexibel beliefert werden, auch nachts, was zur Entspannung der Verkehrslage in Innenstädten beitragen kann."



Experte spricht über Zukunft der Citylogistik

So berichtete Paketda im Dezember 2020

Das Magazin Brand Eins hat ein Interview mit dem niederländischen Logistikexperten Walther Ploos van Amstel geführt. Er kennt sich vor allem mit Citylogistik aus.

Ploos van Amstel wurde gefragt, warum Pakete auf der letzten Meile nicht gebündelt und von einem einzigem Paketdienst ausgeliefert werden. Dem Experten zufolge habe dies keinen großen Spareffekt, weil "von den 2,50 bis drei Euro Transportkosten nur 80 bis 100 Cent in die berühmte letzte Meile" fließen. Diese Aussage ist ungewöhnlich, weil die letzte Meile von anderen Experten immer als der teuerste Abschnitt aller Transportschritte bezeichnet wird.

Überraschend ist auch der Vorschlag Ploos van Amstels, Lieferverkehr in Innenstädten ab 11 Uhr zu verbieten, um die Kooperationsbereitschaft von Lieferdiensten zu steigern. In London soll das funktionieren. Aus Deutschland sind solche Effekte nicht bekannt, obwohl in vielen Fußgängerzonen schon seit Jahren ab 10 oder 11 Uhr ein Fahrverbot besteht. Allerdings können sich Paketdienste Ausnahmegenehmigungen besorgen, wie es z.B. DHL in Paderborn macht (Quelle: westfalen-blatt.de).

Das Fazit des Experten: "Langfristig wird es international nur noch ein paar große Player wie Amazon und DHL geben. Doch auf der lokalen Ebene, auf der wirklich letzten Meile, werden viele kleine Anbieter überleben oder neu dazukommen." Und weiter: "Die individuelle Zustellung wird zunehmend von Paketstationen ersetzt werden. (...) Was ebenfalls zunehmen wird, sind Lösungen, wie sie das Unternehmen Parcls.com (eingestellt) anbietet: örtliche Paketannahme- und Zustelldienste." Ein vergleichbarer Service in Berlin ist Paketconcierge.


  Zuletzt aktualisiert am   |   Autor:
Anzeige

✉ Paketda-News kostenlos abonnieren per Newsletter, bei Telegram oder bei Google News.