IOSS-Zollabfertigung könnte Postmengen verschieben


Das österreichische Beratungsunternehmen CLS hat eine Folgenabschätzung zur neuen IOSS-Zollabfertigung veröffentlicht: www.commerce-logistics.com. IOSS ermöglicht einen leichteren Import von Onlinebestellungen aus China, USA, etc. Der Verkäufer überweist die Einfuhrabgaben direkt an den Zoll, so dass der Empfänger keine Zusatzkosten beim Empfang der Ware bezahlen muss.

CLS-Inhaber Walter Trezek weist darauf hin, dass einige Postgesellschaften trotz des IOSS-Verfahrens Zollabfertigungsgebühren vom Empfänger verlangen, z.B. in Tschechien, Griechenland und Slowenien.

Solche Postgesellschaften könnten unter Druck geraten, weil ausländische Onlineshops dank IOSS sehr einfach über andere Länder in die EU importieren können.

Chinabestellungen werden beispielsweise oft über Belgien und Niederlande importiert. Von dort gelangen sie über Drittspediteure in die eigentlichen Zielländer und werden dort als preiswerte Inlandssendungen eingeliefert. Die staatlichen Postgesellschaften sind nur noch für die Transportstrecke innerhalb ihres eigenen Landes zuständig; alle Transportschritte davor erledigen private Unternehmen außerhalb des klassischen Weltpostsystems.

Eine andere Möglichkeit ist, dass China- und USA-Verkäufer individuelle Verträge aushandeln, z.B. mit La Poste / Swiss Post (Asendia), Deutsche Post (DHL) oder PostNL (Spring). Die Sendungen werden von der beauftragten Post in China bzw. USA eingesammelt, nach Europa gebracht und in die endgültigen Zielländer weitergeleitet.

Dieses Geschäftsmodell funktioniert gut, weil die zuvor genannten Postgesellschaften Mitglieder des Weltpostvereins sind und deshalb zu sehr günstigen Konditionen internationale Sendungen in fremde Länder einschleusen können. Das System ist privaten Paketdiensten wie UPS und FedEx nicht zugänglich.

Dass große Onlineshops wie Alibaba und Wish Direktverträge mit Postgesellschaften abschließen, hebelt das traditionelle Modell "1 Land, 1 Postgesellschaft" aus. Auch die neu entstandenen Chinalogistiker wie 4PX, Orange Connex oder SF Express sorgen dafür, dass Sendungsmengen aus dem klassischen Weltpostsystem entweichen.


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Weitere Mengenverschiebung durch IOSS?

Die Einführung von IOSS könnte den Druck nochmals erhöhen. Postgesellschaften, die von Empfängern Zusatzgebühren für die Zollabfertigung verlangen, oder eine schlechte (langsame) Zollabfertigung anbieten, könnten Mengen verlieren.

Damit das Weltpostnetzwerk wettbewerbsfähig bleibt, empfiehlt das Beratungsunternehmen CLS, Empfängern generell keine Zollabfertigungsgebühren zu berechnen.

Ungleiche Wettbewerbsbedingungen durch IOSS hatte der Branchenverband PostEurop (www.posteurop.org) schon im April 2021 geahnt. Damals sandte man vergeblich eine Bittschrift an die Europäische Kommission, die IOSS-Einführung auf den 15. Januar 2022 zu verschieben. Würde das System ab 1.7.2021 eingeführt, gäbe es "erhebliche Störungen und eine ungleiche und ungerechte Behandlung der Wirtschaftsbeteiligten in den EU-Mitgliedstaaten". Quelle: PDF

Hintergrund ist, dass manche Länder kein fertig entwickeltes IOSS-System haben. Deutschland auch nicht. Deutsche Post und deutscher Zoll arbeiten noch bis Januar 2022 mit einer Art Übergangslösung.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Zollabfertigung 2022 wirklich verbessert und deutsche Empfänger nicht mehr wochenlang auf festhängende Sendungen in Frankfurt oder Radefeld warten müssen. - Falls doch, drohen Konsequenzen wie oben beschrieben.

Randbemerkung: Die Postgesellschaften in Griechenland und Portugal melden zurzeit 3-5 Tage Rückstau aufgrund der Zollabfertigung. Quelle: www.postnl.de


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