Zusteller packt aus: Kunden haben mich bettelnd um Post angefleht


Ein Verbundzusteller aus Sachsen hat sich an Paketda gewandt, um die aktuelle Situation bei Deutsche Post DHL zu beurteilen. Sein Bericht ist doppelt interessant, weil er zeitweise auch in Berlin eingesetzt war, um dort Rückstände abzuarbeiten. Paketda liegen entsprechende Fotos der Brief- und Paketmengen vor. Um keinen Rückschluss auf den Zusteller zu ermöglichen, werden die Fotos nicht veröffentlicht.



Welchen Einfluss hat Corona?

Laut Deutscher Post gibt es viele coronabedingte Krankheitsfälle, die für eine angespannte Personalsituation sorgen. Bei Tagesschau.de nennt die Post Vergleichszahlen: Im Juli 2021 waren es nur 100 Covid-Ausfälle und im Juli 2022 6.800.

Dazu der Zusteller gegenüber Paketda: "Corona trägt bei uns ein kleinen Teil bei, wie in jedem Betrieb. Das kann man nicht abstreiten. Wir haben z.B. mit Kunden zu tun, die in Quarantäne sind oder mit anderen infizierten Kollegen." Im Bereich seiner Niederlassung beträgt der Krankenstand mehr als 10 Prozent.



Jeden Tag Ausfälle

Der Zusteller arbeitet in einer sächsischen Großstadt und berichtet, dass er und seine Kollegen im Schnitt 1,5 Bezirke bewältigen müssen. Diese hohe Arbeitsbelastung schlaucht die Mitarbeiter, die deshalb auch nicht dem Wunsch ihrer Chefs folgen, auf Freizeit zu verzichten. Außerdem schreckt die Belastung neue Mitarbeiter ab.

"Weil es jeden Tag Ausfälle gibt, können wir langsam nicht mehr anders reagieren, als den Bezirk liegen zu lassen (nicht auszuliefern). Mitunter betrifft das 4 bis 7 Bezirke. Unsere Chefs sagen, dass wir auf dem Papier genügend Personal haben und wir sollen das als #1TEAM lösen, also auf Planfrei, Urlaub oder Entlastungszeit verzichten."



Gibt es wirklich wochenlang keine Post?

In einigen Medien, z.B. azonline.de, melden sich Kunden zu Wort, die angeblich wochenlang auf Sendungen warten. Dass soetwas tatsächlich vorkommen kann, hat der anonyme DHL-Zusteller bei seinem Einsatz in Berlin erlebt. Die Personalsituation ist dort so angespannt, dass Leiharbeiter beschäftigt werden und Postmitarbeiter aus anderen Regionen herangezogen werden.

"Das NvT (kleine sortierte Post) lagerte dort 3 Wochen. Es war sehr schockierend für mich, weil sich die Kollegen nicht mal mehr Mühe gegeben haben und vor den Mengen kapitulierten.

Ich habe in Berlin nur Pakete gefahren; so 250 am Tag (zwei Straßen). Jedes war mit dem Service H (Heute/PRIO) versehen, weil es laut Sendungsverfolgung mitunter 6 bis 8 Wochen dort lag. Kunden haben mich bettelnd um ihre Post angefleht und waren immer enttäuscht, als ich Ihnen sagte, dass ich nur Pakete fahre."



"Eigentlich ein schöner Beruf ..."

Trotz der geschilderten Probleme findet der Verbundzusteller, dass er "eigentlich einen sehr schönen Beruf" hat. Die Chefetage verderbe ihm aber die Lust an der Arbeit. "So langsam reichen mir die Lügen", schreibt der Zusteller. Mit seinem Lagebericht will er Kunden einen realistischen Eindruck verschaffen.

Über Aussagen von Postmanagern, wonach man für das Weihnachtsgeschäft gerüstet sei (Quelle: FAZ), kann der Zusteller nur lachen. Auch, dass die Zustellprobleme nur punktuell auftreten, stimme nicht.

Auf die Zusteller wartet in diesem Jahr eine sehr stressige Vorweihnachtszeit. Auch wenn es der Post gelingt, wieder 10.000 saisonale Aushilfskräfte einzustellen, können Paketstaus und Lieferverzögerungen drohen. Die 10.000 Aushilfen stopfen teilweise nur die Löcher, die durch gekündigte Mitarbeiter in die Personaldecke gerissen wurden (Paketda berichtete).


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