Schweizerische Post erfindet fragwürdiges Arbeitszeitmodell

Roberto Cirillo
Die Schweizerische Post AG hat eine außergewöhnliche Methode erfunden, um Zusteller flexibler einzusetzen, sie zu schneller Arbeit anzuspornen und gleichzeitig auch noch Lohn zu sparen. - Der Traum eines jeden Postmanagers.

Doch nach mehreren Berichten der schweizerischen Zeitung Blick.ch wurden die Pläne nun Hals über Kopf gestoppt. Dem designierten Postchef Roberto Cirillo sei Dank; er beginnt sein Amt eigentlich erst am 16. April 2019. Das fiese Arbeitszeitmodell erfanden laut Blick.ch offenbar Regionalmanager der Schweizerischen Post, die "deutlich am Ziel vorbeigeschossen [sind] und die nationale Leitung hat weggeschaut".

So sollte der Plan funktionieren

► Flexibler Arbeitszeitbeginn
Die Schweizerische Post wollte Zusteller, die in der Abendzustellung tätig sind, mit einer App über ihren Arbeitsbeginn informieren. Dadurch hätte die Post flexibel auf schwankende Sendungsmengen reagieren können.

Früher erhielten Zusteller ihren Dienstplan 2 Wochen im Voraus. In Zukunft sollten sie täglich um 12 Uhr mittags in die App schauen, um zu erfahren, ob ihr Dienst z.B. um 14.30 Uhr beginnt oder vielleicht erst um 16.30 Uhr.

Mitarbeiter lehnen das Modell ab, weil sie ihren Tagesablauf nicht mehr sicher planen können. Außerdem wird die Zeit, in der sie sich auf Abruf bereithalten, nicht vergütet.

Eigentlich sollte der flexible Arbeitsbeginn nur ein Pilotprojekt in 2 Zustellbasen sein. Doch gegenüber Blick.ch gab die Post zu, dass dieses Modell schon an 17 Standorten eingeführt sei. Es soll jetzt geändert werden, so dass der Arbeitsbeginn nur noch um 30 Minuten schwankt.

► Schneller arbeiten und weniger verdienen
Für jeden Zusteller wird die Zeit gestoppt, wie lang er für die Paketauslieferung auf einer bestimmten Tour braucht. Für jede Tour wird ein Durchschnittswert berechnet.

Falls ein Zusteller länger unterwegs ist, als Kollegen auf der gleichen Tour durchschnittlich brauchen, bekommt er die Mehrstunden nicht bezahlt.

Außerdem treten die Zusteller gegeneinander in Wettbewerb: Ist ein Mitarbeiter schneller als der Durchschnitt, bringt er seine Kollegen unter Druck, weil der Durchschnittswert für die Tour sinkt.

Gemäß Tarifvertrag müssen Zusteller bei der Schweizerischen Post pro Tag 8:24 Stunden arbeiten. Laut Blick.ch ignoriert das System diese Untergrenze und lässt die Berechnung von Durchschnittswerten zu, die unter der Mindestarbeitszeit liegen.

Perfide: Braucht ein Zusteller für eine Tour beispielsweise 9 Stunden, und der Durchschnittswert für die Tour liegt bei 8 Stunden, dann sammelt der Zusteller 24 Minusminuten an. Dem Mitarbeiter wird die Minuszeit vom Lohn abgezogen, obwohl er eigentlich Überstunden gemacht hat!

Blick.ch interviewte einen Postmitarbeiter aus dem Bezirk Hinwil, der "schon über 40 Minusstunden angehäuft [hat], obwohl er weit mehr gearbeitet hat als im GAV [Tarifvertrag] vereinbart."

Ein Pressesprecher der Schweizerischen Post verteidigte am 10. April das neue Arbeitszeitmodell namens "mytime" gegenüber blick.ch so: "Im liberalisierten Paketmarkt ist es der Post ein wichtiges Anliegen, dass dieses System sowohl fair als auch wirtschaftlich ist. Wir sind der Ansicht, dass 'mytime' beide Voraussetzungen erfüllt".


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