TV-Reportage: Subunternehmer mit osteuropäischen Fahrern ruinieren Lohnniveau

Der SWR strahlte am 14. November 2018 eine Reportage mit dem Titel "Paketfahrer - Ausgebeutet für den Online-Boom?" aus. Hier in der Mediathek abrufbar.

Dem Reporter Edgar Verheyen gelang ein tiefer Einblick in die Szene aus Osteuropa angeworbener Paketzusteller, insbesondere aus Rumänien. Der TV-Beitrag verdeutlicht die kriminellen Machenschaften einiger Subunternehmer, die gezielt ausländische Zusteller nach Deutschland locken und ihnen hier einen Arbeitsplatz sowie eine Wohnung versprechen.

In Deutschland angekommen kann der Traum jedoch platzen. Gegenüber dem TV-Team beklagten sich Zusteller über ausbleibende Lohnzahlungen oder dass ihnen der Chef nur gelegentlich Bargeld für Lebensmittel zusteckte. Hinzu kommen karge Unterkünfte für eine vergleichsweise teure Miete (wird direkt vom Lohn einbehalten).

Zwei rumänische Zusteller, die für DPD-Subunternehmer arbeiten, gaben Edgar Verheyen Auskunft zu ihren Arbeitszeiten und dem Lohn (bei Minute 14:20 und 15:50). Die Zusteller verdienen zwischen 1600 und 1700 Euro netto. Umgerechnet auf die Monatsstundenzahl sei das laut Verheyen weniger als der Mindestlohn. Trotzdem sind die Fahrer mit der Vergütung zufrieden, weil sie viel höher ist als in Rumänien.

Der SWR erhielt dazu von DPD folgende Stellungnahme: "Wir bekennen uns unmissverständlich zu unserer Verantwortung für den einzelnen Zusteller. Für Verstöße gegen geltende Bestimmungen gibt es bei DPD keinerlei Toleranz."

Sigurd Holler von Verdi sagt, dass sich manche Subunternehmer von ihren Fahrern schriftlich kürzere Arbeitszeiten bestätigen lassen, als in der Realität geleistet werden. Aus Angst vor Jobverlust würden Fahrer auch falsche Zeiten in die Fahrtenbücher eintragen. Vor Gericht sei es dann unmöglich, den Subunternehmer zu belangen.

Screenshot aus dem TV-Beitrag

Kemal Keskinsoy, Geschäftsführer der u.a. für UPS tätigen KEP GmbH, beschreibt das Problem mit den Sub-Sub-Unternehmen so: "Unsere Konkurrenz sind eigentlich Unternehmer, die keine Unternehmer sind." (Minute 24:20) Jeder könne ein Transportgewerbe anmelden, ohne Ahnung von Betriebswirtschaft oder Personalführung haben zu müssen. Die Folge sei, dass diese Subunternehmer ihren Auftraggebern - den Paketdiensten - viel zu preiswerte Angebote machten.

Gewerkschafter Holler (bei Minute 08:50) dazu: "Bei den Paketdiensten haben wir zwei Arten von Subunternehmern. Die einen versuchen einigermaßen redlich zu arbeiten, die selber nicht so viel verdienen, weil sie versuchen, ihre Fahrer vernünftig zu bezahlen und die Arbeitsbedingungen einigermaßen einhalten wollen. Die kriegen aber Druck durch die Subunternehmer, die dann - ich sag mal - im halbkriminellen Milieu arbeiten, die osteuropäische Fahrer einstellen und die zu Billiglöhnen fahren lassen. Die machen natürlich ganz andere Preise gegenüber den Paketdiensten als die seriös arbeitenden Unternehmen."

Kemal Keskinsoy (bei Minute 29:50) ist ebenfalls verärgert: "Es kann nicht sein, dass die Marktpreise durch solche Unternehmen [bestimmt werden]. Das sind ja sehr viele in Deutschland, schätzungsweise reden wir hier von 48.000 Transportunternehmen deutschlandweit. Und der größte Teil davon, über 90 Prozent der Unternehmen, sind ja eigentlich keine richtigen Unternehmer. Das ist das Problem, das wir haben. Und von diesen Personen, von diesen Unternehmen werden die Marktpreise bestimmt."

Im TV-Beitrag bei Minute 28:00 erzählt ein ehemaliger Subunternehmer (der wiederum für einen Subunternehmer von DHL fuhr) von einer 80-Stunden-Woche bei einem Nettogewinn von etwa 500 Euro pro Monat. Umgerechnet ein Stundenlohn von weniger als 2 Euro.

Darauf angesprochen teilte DHL mit, dass ein direkter Eingriff in die Lohnstruktur von Servicepartnern nicht möglich sei, aber man behalte sich die fristlose Kündigung solcher Servicepartner vor.

Eine relativ neue Masche wird im Beitrag bei Minute 34:00 erklärt. Die dort gezeigten Paketfahrer sind ordnungsgemäß bei einer Firma in Rumänien angestellt und wurden von ihr nach Deutschland entsandt. Die rumänische Firma bezahlt sie unterhalb des deutschen Mindestlohns aber oberhalb rumänischer Löhne. Die Fahrer wohnen in Kleinlastern mit Schlafkabine und werden durch die rumänische Firma alle 4 Wochen durch eine neue Mannschaft ausgetauscht.

Die Zusteller stören die Lebensumstände nicht, weil sie mehr Geld als im Heimatland verdienen. Tiny Hobbs von der Gewerkschaft Verdi hält dagegen: "Das ist nicht in Ordnung, denn hier in der Bundesrepublik haben wir einen höheren Mindestlohn, und den sollte er bekommen, denn wie wir im Gespräch mitbekommen haben, fahren sie zu 95 Prozent hier in Deutschland Fracht vom Flughafen wohin auch immer. Die Hauptarbeitszeit verbringen sie in der Bundesrepublik, das heißt, aus meiner Sicht steht ihnen auch der bundesdeutsche Mindestlohn zu."

Extrem: In der Nähe von Aschaffenburg lebte ein Rumäne obdachlos im Wald, weil er von einem Subunternehmer nach Krankheit gefeuert wurde (bei Minute 36:10).

Noch extremer: Im Jahr 2017 beorderte eine Leiharbeitsfirma drei Paketzusteller auf einen Parkplatz in Erding. Sie sollten dort ihren Lohn bekommen. Stattdessen wurden sie zusammengeschlagen, so dass einer der Männer starb. Die Täter sitzen aktuell in Untersuchungshaft. GLS zeigte sich schockiert und beendete 2017 die Zusammenarbeit mit der Leiharbeitsfirma (bei Minute 40:14). Der Rechtsanwältin der Tochter des Toten zufolge gibt es Anhaltspunkte, dass der Geschäftsführer der Leiharbeitsfirma dem Schlägertrupp telefonische Anweisungen erteilt habe.

TV-Beitrag in der Mediathek abrufbar bis November 2019..



Verdi-Vorstandsmitglied Andrea Kocsis reagiert bei der ARD auf die Missstände (siehe nachfolgendes Video). Sie fordert eine sogenannte Nachunternehmerhaftung. Paketdienste wären dann haftbar für Verfehlungen der beauftragten Subunternehmern.

Auch für Endkunden hat Andrea Kocsis einen Ratschlag: Wer sich jede Woche 2kg Katzenstreu in die fünfte Etage liefern lasse, sollte sich mal über die Arbeitsbedingungen des Zustellers Gedanken machen. Am Ende seien aber die Arbeitgeber für gute und gerechte Arbeitsbedingungen verantwortlich.


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