Walter Oblin, seit Oktober 2024 CEO der Österreichischen Post, hat eine neue Unternehmensstrategie vorgestellt. Bis 2030 will der Konzern zu einer der führenden Logistik- und Dienstleistungsgruppen in Zentral- und Osteuropa sowie der Türkei werden mit vier Milliarden Euro Jahresumsatz, 150 Millionen erreichbaren Kunden und neuen Geschäftsfeldern wie Telekommunikation. Doch was ist wirklich neu an der Strategie? Und wo lauern Risiken?
Die Österreichische Post verfolgt künftig drei strategische Säulen:
- "Mehr als Post" in Österreich: Neben Brief und Paket rückt die Post bank99, Filialservices und digitale Zusatzdienste ins Zentrum. Ab 2026 soll sogar ein eigenes Mobilfunkangebot starten (virtuell im A1-Netz).
- Stärkeres internationales Paketgeschäft: Der Konzern will nicht nur expandieren, sondern sich als integrierte Gruppe mit Synergien über alle Länderpositionen hinweg etablieren.
- Effizienz durch Technologie und Exzellenz: Digitalisierung, KI, Robotik und Automatisierung sollen Prozesse optimieren, Kosten senken und die operative Stärke ausbauen.
CEO Walter Oblin nennt im Interview mit cash.at drei Hebel: Menschen, Technologie und Wachstum. Das ist zum großen Teil eine Fortführung der langjährigen Strategie seines Vorgängers Georg Pölzl.
- Der Rückgang im Briefgeschäft wird seit Jahren durch Expansion im Paketsegment kompensiert.
- Die Expansion in Südosteuropa und die Türkei wurde bereits 2018 bis 2021 forciert.
- Auch das Ziel, bis 2030 CO2-frei auf der letzten Meile zuzustellen, wurde schon vor fünf Jahren kommuniziert.
Neu an der Strategie 2030 ist vor allem die kommunikative Verpackung: Die Österreichische Post stellt sich als plattformbasierter Konzern mit wachsendem Dienstleistungsportfolio dar. Und zwar deutlich offensiver als in früheren Jahren. Der geplante Einstieg als virtueller Mobilfunkanbieter ist dabei der sichtbarste Aspekt.
Gefahr der strategischen Zerfaserung?
Einerseits vertreibt die Österreichische Post in ihren Filialen bereits Mobilfunkangebote von A1, wodurch der Schritt zu einer eigenen Mobilfunkmarke weniger disruptiv wirkt, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Dennoch bedeutet der Rollenwechsel vom Vertriebspartner zur Anbieterin mit eigener Tarifstruktur und Marke eine deutlich höhere unternehmerischen Verantwortung - in einem Markt, der von etablierten Billigmarken wie HoT, spusu oder Lidl Connect dominiert wird.
Der Schritt zum Mobilfunkanbieter erinnert an eine Parallele: Die Deutsche Post AG hatte in den 2010er Jahren ebenfalls versucht, neue Geschäftsfelder zu besetzen. Der bekannteste Versuch war das Shoppingportal MeinPaket.de; später umbenannt in Allyouneed. Außerdem investierte die Deutsche Post in den E-Postbrief, entwickelte eine eigene Messenger-App (SIMSme), ein eigenes Zustellfahrzeug (Streetscooter), Bezahlsystem (Postpay) und mehrere kleine Innovationen. Nichts davon hat sich wirtschaftlich bezahlt gemacht. Heute fokussiert sich die DHL Group wieder auf die Logistik als ihr Kerngeschäft.
Verzettelt sich womöglich auch die Österreichische Post mit branchenfremden Geschäftsfeldern? Denn wo liegt der echte Kundennutzen eines eigenen Mobilfunkangebots? Die Differenzierung gegenüber bestehenden Anbietern ist unklar. Das Gleiche gilt für das 2017 gestartete Einkaufsportal shöpping.at. Der ehemalige Post-Chef Georg Pölzl gibt im Interview mit trend.at zu, dass es kein betriebswirtschaftlicher Erfolg ist und der Aufbau "wesentlich schwieriger als anfangs gedacht" verläuft.
bank99: Ein Sonderfall mit Potenzial
Eine Ausnahme im Kontext dieser Debatte ist bank99, eine Tochtergesellschaft der Österreichischen Post. Gegründet 2020 nach dem Ende der Kooperation mit der BAWAG, betreut sie heute rund 300.000 Kunden, verfügt über eine Bilanzsumme von 4,1 Mrd. Euro und wurde 2025 als Branchen-Champion im Kundenservice ausgezeichnet.
Allerdings steht die Rentabilität weiterhin unter Druck. Der Geschäftsbereich "Filiale & Bank" wies im Jahr 2024 ein EBIT von minus 11,8 Mio. Euro aus; verursacht durch IT-Sonderaufwendungen bei der Migration des Kernbankensystems. Ursprünglich sollte bank99 im Jahr 2024 den Breakeven erreichen, ob es 2025 gelingt bleibt abzuwarten.
Dennoch zeigt sich: Die bank99 nutzt die vorhandene Filialstruktur der Österreichischen Post sinnvoll und ist ein positives Beispiel für Diversifikation, wenn sie an bestehende Infrastruktur gekoppelt bleibt.
Fazit
Die neue Strategie der Österreichischen Post ist weniger ein radikaler Neuanfang als ein strategisches Reframing: Bestehende Schwerpunkte werden neu inszeniert und um markante Elemente erweitert; allen voran den Einstieg in den Mobilfunkmarkt. Walter Oblin positioniert den Konzern als integrierte Gruppe mit dem Paketgeschäft als Rückgrat.
Die Österreichische Post bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Expansionslust und operativer Überdehnung. Die bank99 zeigt, dass gezielte Ergänzungen zum Kerngeschäft erfolgreich sein können - aber auch, dass Geduld erforderlich ist. Sollte Shöpping.at nicht spätestens im zehnten Jahr nach dem Start profitabel sein, müsste die Post den Stecker ziehen.
Die entscheidende Frage bleibt also: Geht der Kundennutzen mit dem Expansionsdrang mit? Begriffe wie "Plattform Post" und "Ökosystem" klingen vielversprechend, müssen aber mit echtem Mehrwert für Endkunden gefüllt werden. Die Deutsche Post hat gezeigt, wie leicht strategische Diversifikation in operative Zerfaserung umschlagen kann, wenn man das Kerngeschäft aus dem Blick verliert.
Quellen: