Vor dem Landgericht Osnabrück haben zwei Hermes-Subunternehmer aus Ahlen umfangreiche Straftaten eingeräumt. Vater und Sohn betrieben mehrere Hermes-Depots und sollen Sozialabgaben in Höhe von rund 1,6 Millionen Euro hinterzogen haben. Im Prozess haben sie die Vorwürfe nun gestanden.
Betroffen waren Hermes-Standorte in Emsbüren, Sendenhorst und Neuenkirchen. Laut Anklage vorm Landgericht Osnabrück beschäftigten die Depotbetreiber rund 300 Zusteller, die hauptsächlich aus Rumänien und Bulgarien stammten. Offiziell wurden die Zusteller in Teilzeit angestellt und erhielten für ca. 20 Wochenstunden rund 1.400 Euro Bruttolohn.
Laut Anklage arbeiteten viele Zusteller deutlich mehr, teilweise 40 Stunden pro Woche oder darüber hinaus. Die zusätzlich geleisteten Stunden sollen bar bezahlt worden sein, ohne Abführung von Sozialabgaben.
Um die Bargeldzahlungen zu verschleiern, nutzten die Angeklagten ein System aus sogenannten Abdeckrechnungen. Dabei wurden unter anderem Tankquittungen unbeteiligter Leute gesammelt, die in der Buchhaltung der Hermes-Subunternehmer als angebliche Betriebsausgaben verbucht wurden (Quelle: wn.de).
Ein Mitangeklagter soll diese Quittungen organisiert haben: Von einer Tankstelle in Münster sammelte er liegen gelassene Belege, steckte sie in große Tüten und übergab sie regelmäßig an die Betreiber. Dafür erhielt er zehn Prozent Provision.
Im März 2021 kam es schließlich zu einer Großrazzia des Zolls mit rund 320 Beamten, bei der etwa 40 Objekte in Niedersachsen und im Münsterland durchsucht wurden (siehe unten). Auslöser war zunächst eine Zollprüfung des Hermes-Depots in Neuenkirchen nördlich von Osnabrück, bei der Ermittler schnell auf massive Unregelmäßigkeiten stießen.
Vorgänger-Betreiber auch schon kriminell
Im aktuellen Prozess machte laut die-glocke.de der Verteidiger eine interessante Bemerkung bezüglich des Hermes-Depots Neuenkirchen. Er soll gesagt haben: "Der Vorgänger hat da schon genauso gewirtschaftet, den habe ich vor vielen Jahren vertreten."
Für eine ebenfalls ungewöhnliche Szene sorgte einer der Hauptangeklagten während einer Verhandlungspause. Er bedankte sich bei einem der Zollfahnder mit den Worten: "Das haben Sie sehr gut gemacht! Endlich keinen Stress mit Hermes mehr!" Ironisch klang diese Bemerkung laut Westfälischer Nachrichten nicht.
Hauptzollamt Osnabrück zerschlägt Subunternehmer-Netzwerk
So berichtete Paketda im März 2021
Großeinsatz des Hauptzollamts Osnabrück am 10.03.2021: Ungefähr 320 Zollbeamte durchsuchten 40 Objekte in den niedersächsischen Landkreisen Osnabrück, Emsland und Grafschaft Bentheim sowie im Münsterland (Westfalen). Eigenen Angaben zufolge wurde ein "mutmaßliches Netzwerk von Paket-, Kurier- und Scheinfirmen zerschlagen und fünf mutmaßliche Haupttäter aufgrund bereits erwirkter Haftbefehle des Amtsgerichts Osnabrück festgenommen".
Die Kernvorwürfe betreffen die bandenmäßige Hinterziehung von Steuern und Sozialabgaben mit einem Gesamtschaden von mehr als 2 Mio. Euro.
Die Masche funktionierte so: Paketzusteller wurden z.B. für eine 20-Stunden-Wochen fest angestellt und dafür korrekt vergütet. In Wirklichkeit arbeiteten sie aber 40 Stunden pro Woche oder mehr. Die Differenz zwischen den Wochenstunden auf Papier und den tatsächlich geleisteten Stunden bekamen die Zusteller bar auf die Hand, ohne dass Sozialabgaben entrichtet wurden.
Die bar ausgezahlten Löhne durften nicht in der Buchhaltung erscheinen. Deshalb kamen sogenannte Servicefirmen ins Spiel, die den Subunternehmern Fake-Rechnungen ausstellten für nicht erbrachte Leistungen. Die Fake-Rechnungen wurden offiziell verbucht und den Servicefirmen überwiesen. Im Nachhinein zahlten die Servicefirmen die Gelder in bar an die Subunternehmer zurück. Vermutlich abzüglich einer Provision, denn die Inhaber der Servicefirmen sind der organisierten Kriminalität zuzurechnen.
Quelle: www.zoll.de
Nachtrag: Laut www.radiowaf.de wurde unter anderem eine Hermes-Niederlassung in Sendenhorst (NRW) durchsucht.