NDR-Bericht: So trickste ein Hermes-Subunternehmer die Prüfer aus

Hermes Paketzentrum Langenhagen Ein Bericht des TV-Magazins "Panorama 3" hat sich mit der Zertifizierung von Hermes-Subunternehmern befasst. Den TV-Redakteuren gelang es, einen ehemaligen Subunternehmer vor die Kamera zu bekommen, der Methoden erklärte, mit denen er die Überprüfung seines Unternehmens durch den von Hermes beauftragten SGS-TÜV Saar (www.sgs-tuev-saar.com) austrickste.

Hintergrund der Zertifzierung: Nach kritischen Medienberichten über Arbeitsbedingungen führte Hermes im Jahr 2012 einen Verhaltenskodex ein (als PDF hier), der sowohl für direkt bei Hermes angestellte Mitarbeiter gilt, als auch für Subunternehmen sowie deren Mitarbeiter (dies sind meistens Paketzusteller). Der Verhaltenskodex schreibt z.B. vor, dass keine Dumpinglöhne gezahlt werden sollen sondern dass die Vergütung der Beschäftigten "mindestens einer etwaigen gesetzlichen Entlohnung entspricht". Diese Formulierung soll vermutlich bedeuten, dass der Mindestlohn einzuhalten ist.

Die Reporter von Panorama 3 deckten anhand der Lohnabrechnung eines rumänischen Hermes-Paketzustellers auf, dass er für 273 Arbeitsstunden nur 675 Euro erhielt. Das entspricht einem Stundenlohn von 2,47 Euro. Außerdem bekämen die Mitarbeiter keine Überstunden ausbezahlt. "Uns fällt es schwer zu glauben, dass soetwas in Deutschland möglich ist", sagte ein Zusteller zum Reporterteam.

Der betroffene Subunternehmer sowie die Hermes-Zentrale in Hamburg waren zu keinem Statement vor der TV-Kamera bereit. Der Subunternehmer sagte lediglich, die Zusteller sollten zum Arbeitsgericht gehen, wenn sie unzufrieden seien.

Der ehemalige Hermes-Subunternehmer Gion Eppe sagte gegenüber Panorama 3, dass er seine Mitarbeiter gern höher bezählt hatte, dies aufgrund einer geringen Entlohnung durch Hermes aber nicht möglich gewesen sei. Er war finanziell "am Limit" und wirtschaftete teilweise sogar im Minus.

Um die Zertifizierung durch das vom Hermes beauftragte Unternehmen SGS-TÜV Saar zu bestehen, setzte Eppe auf folgende Tricks: Weil der Prüftermin lange im Voraus angekündigt wurde, instruierte er seine Mitarbeiter, welche Aussagen bei den TÜV-Prüfern gut ankommen. Die Mitarbeiter spielten mit, weil trotz der niedrigen Bezahlung niemand seinen Job verlieren wolle. Kritisch eingestellte Mitarbeiter wurden von ihrem Chef am Prüfungstag beurlaubt, so dass der Prüfer sie nicht befragen konnte.

Logos SGS TÜV Saar

Aus der Sicht von Subunternehmer Eppe schiebt Hermes die unternehmerische Verantwortung komplett auf die Subunternehmer: "Hermes sagt sich: wir haben alles schön an Subunternehmer weitergegeben. Wir sind sehr schön hingegangen und haben gesagt: wir haben keine Verantwortung mehr. Da gibt es dicke fette Verträge, schön dick, da stehen alle Paragrafen drin. Der [Subunternehmer] hat das zu befolgen. Der hat das unterschrieben, und damit haftet er."

Auf Nachfrage von Panorama 3 äußerte sich auch SGS-TÜV Saar nicht zu möglichen Lücken im Zertifzierungsprozess. Im Hermes-Newsroom gibt es jedoch ein Interview mit SGS-TÜV-Saar-Projektleiter Dirk Schmidt. Seinen Worten zufolge werden die Arbeitszeiten nicht bloß anhand von Stundenzetteln kontrolliert sondern stichprobenhaft auch mit den Daten aus den Handscannern abgeglichen. Arbeitszeitverstöße seien ein K.O.-Kriterium. Werden hierbei Verfehlungen festgestellt, ist die Zertifizierung nicht bestanden.

Der Projektleiter räumt ein, dass die Überprüfungen nur Momentaufnehmen seien und es keine Garantie gebe, dass davor oder danach vielleicht doch Verstöße begangen werden. Hierfür sei aber ein "sehr hoher Aufwand und kriminelle Absicht" notwendig.

Hermes verweist außerdem auf ein anonymes Hinweisgebersystem. Mitarbeiter können Unregelmäßigkeiten an die Hermes-Zentrale melden oder an einen externen Ombudsmann. Die Kontaktdaten befinden sich auf der vorletzten Seite des Hermes-Verhaltenskodex. Jeder Subunternehmer ist verpflichtet, den Verhaltenskodex "für alle Beschäftigten frei zugänglich zu machen und gut sichtbar auszuhängen."

Nicht öffentlich gemacht wird hingegen der Kriterienkatalog, mit dem die Subunternehmer geprüft werden. In der Zertifikatsdatenbank von SGS-TÜV Saar ist überhaupt kein Eintrag zu Hermes zu finden. Gleiches gilt für die Datenbank von SGS. In der Datenbank des TÜV Saar gibt es zwar Einträge zu Hermes. Die dort veröffentlichten Zertifikate betreffen jedoch das Siegel "TÜV Service tested". Das hat mit den Subunternehmen nichts zu tun sondern betrifft die Kundenzufriedenheit.

Mitarbeit: Maximilian Koch


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