Der britische Paketdienst Evri (früher Hermes) geht juristisch gegen die BBC vor. Das Unternehmen fordert rund 1,2 Millionen Pfund Schadenersatz (ca. 1,4 Mio Euro) wegen einer TV-Reportage mit dem Titel "Evri: Where's my parcel?". Die Sendung wurde im Dezember 2025 ausgestrahlt und befasste sich mit Problemen bei der Paketzustellung sowie mit den Arbeitsbedingungen von Evri-Zustellern.
Laut Bericht des Guardian wirft Evri der BBC vor, das Unternehmen in der Sendung falsch dargestellt zu haben. Die Dokumentation habe den Eindruck erweckt, Evri setze auf ausbeuterische Geschäftspraktiken, um die Bezahlung seiner Kuriere zu drücken. Außerdem sei der Eindruck entstanden, Evri habe ein Parlamentsgremium getäuscht, indem das Unternehmen versichert habe, seine Kuriere würden nicht unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns bezahlt.
Nach Angaben von Evri habe die Panorama-Sendung konkrete wirtschaftliche Schäden verursacht. Das Unternehmen macht geltend, potenzielle Kunden hätten wegen der Ausstrahlung Abstand von Verträgen genommen. Der entgangene Gewinn wird in Gerichtsunterlagen auf rund 1,16 Millionen Pfund beziffert. Zusätzlich seien Kosten entstanden, um Kunden gegenüber die aus Evris Sicht falschen Vorwürfe zu entkräften. Siehe auch Stellungnahme auf evri.com.
Worum ging es in der BBC-Dokumentation?
Die BBC beschrieb die Sendung als Undercover-Recherche in einer Evri-Zustellbasis. Thema waren der Arbeitsdruck im Depot, Beschwerden von Kunden sowie Aussagen von Kurieren, die nach eigener Darstellung kaum genug verdienten. Evri hält dagegen, einen schnellen, zuverlässigen und kostengünstigen Paketdienst anzubieten. Außerdem verdienen die Zusteller nach Unternehmensangaben mehr als den gesetzlichen Mindestlohn.
Ein zentraler Streitpunkt ist die Bezahlung der selbstständigen Evri-Kuriere. In Großbritannien arbeiten viele Paketboten nicht als klassische Angestellte, sondern als selbstständige Zusteller. Bezahlt wird häufig nicht einfach pro Stunde, sondern abhängig von Tour, Paketmenge, Paketgröße und Zusatzleistungen. Genau dadurch entsteht Streit darüber, ob die tatsächliche Vergütung nach Abzug von Kosten und Wartezeiten noch oberhalb des Mindestlohns liegt.
Schon vor der BBC-Sendung hatte sich ein Ausschuss des britischen Parlaments mit Beschwerden von Evri-Kurieren beschäftigt. In einem Schreiben (PDF) an Evri vom Februar 2025 heißt es, Zusteller hätten sich über eine neue Kategorie "small packet" beschwert, weil dadurch die Vergütung sinken könne. Evri begründete die Kategorie damit, mehr Nachfrage nach kleinen Sendungen zu schaffen.
Außerdem ging es um den Vorwurf, dass Pakete zu klein eingestuft werden. Für Zusteller ist das wichtig, weil die Bezahlung umso höher ist, je größer ein Paket ist. Der Parlamentsausschuss berichtete von Beschwerden, wonach Kuriere zwar falsche Einstufungen melden können, ihnen dies in der Praxis aber erschwert worden sei.
Evri widerspricht diesem Vorwurf und erklärt, Pakete würden von Händlern und Versendern etikettiert, nicht von Evri selbst. Nach Evri-Angaben seien 99,2 Prozent aller Pakete korrekt eingestuft. Zusteller könnten über ihre App eine Prüfung und Hochstufung beantragen, falls ein Paket falsch kategorisiert sei.
Evri verweist außerdem darauf, mit der Gewerkschaft GMB ein besonderes Modell für selbstständige Zusteller entwickelt zu haben: "Self Employed Plus", kurz SE+. Dieses Modell soll Soloselbstständigen zusätzliche Leistungen bieten, die sonst aus klassischen Arbeitsverhältnissen bekannt sind, z.B. Urlaubsanspruch, Krankengeld, Rentenbeiträge und garantierte Mindesteinnahmen. Evri bezeichnet dieses Modell als branchenführend.
Allerdings scheint die Beziehung zwischen Evri und der Gewerkschaft inzwischen angespannt zu sein. Im Juni 2026 teilte GMB mit, dass mehr als 6.000 Evri-Kuriere über ein Bezahlangebot abgestimmt hätten. Fast 97 Prozent lehnten das Angebot ab. Die Gewerkschaft hatte erstmals empfohlen, gegen ein Evri-Angebot zu stimmen und stellte auch mögliche Streiks in Aussicht (vgl. gmb.org.uk).