Postwesen im vereinten Deutschland der 1990er Jahre

Postzusteller auf dem Fahrrad um 1990

Nach dem Fall der Mauer war das geteilte Deutschland wieder eine Einheit. Dies traf in den ersten Jahren jedoch nicht auf das Postwesen in West- und Ostdeutschland zu. Die Vereinheitlichung und Zusammenführung beider Systeme würde sich als Mammutaufgabe herausstellen. Bis dafür seitens der Deutschen Post ein Konzept ausgearbeitet war, wurde den westdeutschen Postleitzahlen ein "W-" vorangestellt und den ostdeutschen Postleitzahlen ein "O-". So waren die jeweils vierstelligen Postleitzahlen beider Landesteile voneinander zu unterscheiden.

Die Deutsche Post nannte ihr Konzept zur Modernisierung des Briefwesens "Brief 2000" und nutzte die Gelegenheit, nicht bloß neue Postleitzahlen und Postleitbereiche einzuführen, sondern die Postzustellung in Deutschland zu revolutionieren. Die Transportgeschwindigkeit sollte verbessert werden, die Transportwege verkürzt werden, die Automatisierung erhöht werden und die Mitarbeiterzahl reduziert werden. Denn vor allem die ehemalige Staatspost der DDR war so ineffizient, dass man kaum alle Mitarbeiter weiterbeschäftigen konnte.

Hier ein Foto eines alten DDR-Postdepots:
Postdepot in der DDR

Einige Fakten zur Deutschen Bundespost 1990

  • 62 Mio Kunden
  • 13 Mrd Sendungen / Jahr
  • 313.000 Beschäftigte
  • 13,4 Mrd DM Umsatz im Briefgeschäft
  • 100 DM Ertrag brachten gleichzeitig 7,50 DM Verlust

Fakten zur Deutschen Post der DDR 1990

  • 16 Mio Kunden
  • 3 Mrd Sendungen / Jahr
  • 86.000 Beschäftigte
  • 1,1 Mrd Umsatz im Briefgeschäft
  • 100 DM Ertrag brachten 47 DM Verlust

Rolf, das Maskottchen der fünfstelligen PLZ Mit der Einführung neuer fünfstelliger Postleitzahlen am 1. Juli 1993 gab die Deutsche Post den Startschuss für die Vereinheitlichung der Poststrukturen in der BRD. Es war allerdings eine Menge Vorarbeit notwendig, bis es soweit kam. Das wird schon an der langen, dreijährigen Planungsphase deutlich. Insbesondere die Errichtung neuer Briefzentren und die Einrichtung von Postleitbereichen war zeitintensiv, weil logistisch geeignete (also möglichst zentral in einer Region gelegene) Grundstücke gefunden, erworben und bebaut werden mussten. Das veraltete Transportwesen der Deutschen Post (in Westdeutschland) erwies sich als komplex, teuer und störanällig. Es bestand aus:

  • 600 Bereichs-Knotenämter
  • 54 Massendrucksache-Sammelstellen und Auffangstellen
  • 47 Durchgangsstellen
  • 125 Briefabgangsämter
  • 60 Drucksachen-Sammelstellen und Auffangsstellen

Masterplan "Brief 2000"

Leitbereiche der 83 Briefzentren Die alten und ineffizienten Strukturen sollten mit dem Masterplan "Brief 2000" abgeschafft werden. Der Vorstand der Deutschen Post setzte auf Rationalisierung, Modernisierung und Steigerung der Qualität. Statt 1000 verschiedenen Bearbeitungsstellen wird es nur noch 83 zentrale Briefzentren geben. Verteilt auf ganz Deutschland sollen sie künftig sämtliche Briefdienstleistungen in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich abwickeln. Also sowohl private Post als auch Warensendungen, Werbesendungen, Tageszeitungen und Zeitschriften. Insgesamt wurden 8,3 Millarden DM in neue Produktionsstätten investiert. Als Produktionsstätten werden in der Logistik die Paket- und Briefzentren bezeichnet, in denen Sendungen sortiert und umgeschlagen werden (sog. Produktion).

Standardisierte Postbehälter Bei der Planung der neuen Briefzentren setzte die Deutsche Post von Anfang an auf hohe Automatisation und Standardisierung. So wurden neue Portogruppen eingeführt (Standard-, Kompakt-, Groß- und Maxibrief) und die Behältertypen vereinheitlicht, in denen Briefsendungen innerhalb von Briefzentren befördert werden und die von Großkunden zur Einlieferung verwendet werden. Sie zeichnen sich außerdem durch eine hohe Nestbarkeit aus, sind also mit hoher Platzersparnis ineinander stapelbar.

Desweiteren wurden für unterschiedliche Sendungsmengen 5 Briefzentrums-Typen entwickelt: von S bis XXL. Je höher das Sendungsaufkommen in einem PLZ-Bereich war, desto größer das Briefzentrum. Seit den 2000er Jahren sinken Briefmengen stetig, so dass viele Briefzentren heutzutage überdimensioniert sind. Es werden umlauforientierte und durchlauforientierte Briefzentren unterschieden. Die Bauweise verdeutlichen diese schematischen Darstellungen der Deutschen Post:

Schematischer Aufbau von Briefzentren


Moderne Briefzentren

Automatisierte Briefzentren benötigen weniger Personal Die neu errichteten Briefzentren der Deutschen Post erreichten bereits in den Anfangsjahren einen hohen Automatisierungsgrad von bis zu 85%. D.h. 85 von 100 Briefsendungen konnten dank automatischer Anschriftenlesemaschinen sortiert werden, und nur 15 von 100 Sendungen mussten von einem Mitarbeiter manuell bearbeitet werden. Der Automationsgrad liegt mittlerweile (2012) bei weit über 90%. Zur maschinellen Bearbeitung setzt die Deutsche Post folgende Anlagentypen ein:

  • Standard- und Kompaktbrief-Sortieranlagen (SSA)
  • Gangfolgesortieranlagen (GFSA) (sortieren die Briefe nach Straßen und Hausnummern)
  • Großbriefsortieranlagen (GSA)
  • Maxibriefsortieranlagen (MSA) nur in Briefzentren der Größe XL und XXL
  • Kommissionieranlagen (KoA) nur in Briefzentren der Größe XL und XXL
  • Förderanlagen FöA, nur in Briefzentren der Größe XL und XXL

Großbrief-Sortieranlage (GSA)In den Briefzentren der Größe XL und XXL (z.B. Berlin, Hamburg, Hannover, Frankfurt, München) ist der Produktionsablauf in folgende Arbeitsschritte gegliedert:

  • Briefordnerei: Hier werden lose eingelieferte Sendungen zunächst nach Formaten getrennt, aufgestellt, gestempelt und in die drei Behältergrößen einsortiert.
  • Auf Förderanlagen werden die Behälter zu den nachfolgenden Bearbeitungsmodulen transportiert.
  • Modul für Standardbriefe, Kompaktbriefe, Großbriefe und Maxibriefe: Diese Sendungen werden maschinell sortiert bis hin zur Gangfolgesortierung von Standardbriefen.
  • Die zielgenau in Behälter sortierten Sendungen werden über eine Förderanlage in den Kommissionierbereich gebracht
  • In der Komissionieranlage erfolgt die Zuordnung der Behälter auf Transporttouren bzw. LKW
  • Der Weitertransport in die Zielregion erfolgt je nach Sendungsart:
    • Das Regelnetz befördert Privat- und Geschäftspost binnen 24 Stunden.
    • Infopost, Kundenzeitschriften und ähnliche Werbesendungen werden zwischen 2 und 4 Tagen zugestellt.
    • Tageszeitungen werden im Schnellläufernetz befördert zwecks taggleicher Zustellung beim Leser.

Luftpostnetz Sommerflugplan 1995 Durch den Bau der modernen Briefzentren gelang es der Deutschen Post, die Anzahl der Transportfahrten von 150.000 auf 50.000 pro Tag zu reduzieren. Außerdem wurde das Nachtflugnetz ausgebaut, so dass beispielsweise Briefzentren in Mecklenburg-Vorpommern über den Flughafen in Rostock-Laage luftbeförderte Briefe erhielten (bis Anfang 2005). Der Transport erfolgt entweder mit Frachtflugzeugen oder mit Passagiermaschinen, deren Sitze mit Planen verkleidet werden, um darauf Postbehälter zu stapeln. Die Strecken für die Luftpost im Jahr 2005 zeigt die nebenstehende Grafik.

Auf den Fotos unten ist der Transport von Postbehältern in einem Passagierflugzeug zu sehen.

Beförderung von Luftpost

Fazit: Der Deutschen Post ist es erstaunlich gut gelungen, das Postwesen zu modernisieren. Innerhalb von nur 5 Jahren wurde 83 Briefzentren geplant, errichtet und miteinander vernetzt. Daran waren 210.000 Mitarbeiter beteiligt, 190 davon in einem permanenten Projektteam "Brief 2000".