EU will Paketmarkt regulieren. Postfirmen wollen es nicht.

Sreenshot von deliver4europe.eu Die Website http://deliver4europe.eu zielt gegen EU-Pläne, den grenzüberschreitenden Paketversand stärker zu regulieren.

Die Macher der Website wollen verhindern, dass fremde Unternehmen wie z.B. Amazon per EU-Verordnung Zugang zu Logistiknetzwerken etablierter Paketdienste bekommen. Ähnliches geschieht bereits auf dem Strom- und Telefonmarkt. Seitdem die Mitbenutzung von Strom- und Telefonleitungen durch Dritte erlaubt ist, können Kunden aus mehr Anbietern wählen. Womöglich erhofft sich die EU etwas Ähnliches vom Paketmarkt und dadurch sinkende Kosten für den Verbraucher.

Dass deliver4europe.eu eine Lobbyismus-Website ist, lässt sich unter anderem an der dahinterstehenden Agentur g plus erkennen. Die beschreibt sich selbst als "führende PR-Firma" mit einer Spezialisierung auf "politische und regulatorische Risiken".

Beauftragt wurde die Lobby-Agentur von PostEurop; einer Vereinigung von Postgesellschaften aus 49 Ländern des europäischen Kontinents. Unter anderem beteiligt sind die Deutsche Post, Österreichische Post, Schweizerische Post, der DPD-Mutterkonzern La Poste und die britische Royal Mail, die in Deutschland mit GLS aktiv ist.

Die Lobby-Agentur hat kurze Trickfilme zeichnen lassen, die teils kurios anmuten. Insbesondere jener Clip, der ein deutsches Familienunternehmen darstellt, das seine Produkte nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauft, weil es keinen Kundenservice in anderen EU-Landessprachen anbieten kann. Außerdem hat das Familienunternehmen Probleme mit unterschiedlichen Umsatzsteuersätzen in den EU-Ländern. Argumentativ muss das falsch sein, weil die Beispielfamilie ja bereits mit Österreich und der Schweiz handelt. Und Exporte in die Schweiz können für Unternehmer wirklich kompliziert sein.


(Finde den Fehler bei Sekunde 20.)

Was genau fordern die Postgesellschaften von der EU?

Vergleiche: deliver4europe.eu

  • "Terminal Rates" sollen geheim bleiben. Das sind die Gebühren, die sich Postgesellschaften gegenseitig in Rechnung stellen, wenn sie aus dem Ausland kommende Pakete in ihrem eigenen Land weiterbefördern. Die Postgesellschaften wollen diese Preise untereinander aushandeln und keine EU-Überwachung.
  • Keine jährliche Kontrolle des internationalen Paketportos (ähnlich wie bei der Genehmigung des Deutsche-Post-Briefportos durch die Bundesnetzagentur). Das würde unnötige Bürokratie verursachen. Kunden seien außerdem in der Lage, selbst den günstigsten Paketdienst zu wählen, wodurch überteuerte Preise vermieden würden.
  • Keine Mitbenutzungs-Erlaubnis bestehender Transportnetzwerke und Paketzentren durch fremde Unternehmen. Angeblich würden nationale Postgesellschaften Dritten bereits die Mitbenutzung erlauben. Deshalb gäbe es keinen Bedarf für Regulierung.

Auch bei Twitter ist Deliver4Europe sehr aktiv und veröffentlicht mehrmals täglich mehr oder minder interessante Infohappen über europäische Paketdienste.

Die bislang meisten Likes erhielt eine Meldung vom 11. Juli, als der Transportausschuss des Europäischen Parlaments den Entwurf zur Regulierung des grenzüberschreitenden Paketversands ablehnte. Darüber waren die Lobbyisten offenbar sehr erfreut und spendeten dem Beitrag einige Likes.


Um einer EU-Regelierung entgegenzuwirken, präsentiert die Deliver4Europe-Website zahlreiche Argumente für einen funktionierenden Wettbewerb zwischen europäischen Paketdiensten. Demnach können Kunden in der EU beim nationalen Paketversand zwischen durchschnittlich 7,68 Paketdiensten auswählen und beim internationalen Versand zwischen 6,75 Anbietern. Spitzenreiter sei die Tschechische Republik mit 20 nationalen Paketdiensten.

In den FAQ der Website erscheint auch die Frage ?Was tun Postgesellschaften für einen reibungslosen, grenzüberschreitenden Paketversand??

In der Antwort wird auf ein "e-Commerce Interconnect Programme" verwiesen, das europäische Postgesellschaften vereinbart haben. Siehe Website der International Post Corporation (ipc.be). Die IPC veröffentlichte zwei Schaubilder zum Interconnect-Programm (Quelle).

Schaubild 1)
Beim internationalen Paketversand gibt es häufig ein "Tracking-Bermudadreieck" zwischen Postgesellschaft im Absenderland und Postgesellschaft im Empfängerland.

Internationaler Paketversand

Schaubild 2)
Mit dem Interconnect-Programm lassen sich internationale Pakete angeblich grenzüberschreitend und lückenlos verfolgen.

e-Commerce Interconnect Programm

Die Versprechungen der Paketdienste lauten im Einzelnen (vgl. deliver4europe.eu/faqs/):

  1. Es gibt ein Angebot unterschiedlich schneller Liefergeschwindigkeiten (z.B. Standard und Express) und vereinheitlichte Zustelloptionen, die gleichermaßen im Absender- und Empfängerland verfügbar sind.
  2. Sendungsverfolgung mit vollständiger Transparenz mittels Strichcode- oder RFID-Etiketten sowohl für Warenlieferungen als auch Retouren.
  3. Grenzüberschreitende Rückgabemöglichkeit, so dass z.B. deutsche Kunden Waren kostenfrei an einen ausländischen Händler retournieren können.
  4. Identische Zustelloptionen für nationale und internationale Pakete. Endkunden sollen die gleichen Umleitungs- und Abholmöglichkeiten für internationale Pakete haben wie bei nationalen Paketen.
  5. Harmonisierte Prozesse für schnelle Lieferungen
  6. Zuverlässiger Service
  7. Schnellere Bearbeitung von Kundenanfragen durch die Verknüpfung von bis zu 180 Servicecentern von Postgesellschaften weltweit.

Läuft es in der Praxis wirklich so gut? Paketda beurteilt die Argumente der Paketdienste aus deutscher Kundensicht:

  1. Einige Onlineshops bieten unterschiedlich schnelle Versandarten an, das trifft aber eher auf den nationalen Versand zu. Über Ländergrenzen hinweg einheitliche Zustelloptionen funktionieren i.d.R. nur, wenn der Paketdienst im Absender- und Empfängerland eigene Zustellnetze hat (z.B. UPS, DPD, GLS). Schlechtes Beispiel: Schickt man ein DHL-Paket von Deutschland nach Österreich, kann der Absender keinen Wunschtag festlegen, obwohl dieser Service in beiden Ländern verfügbar ist.
  2. Sendungen aus dem Ausland erhalten in Deutschland manchmal eine neue Sendungsnummer. Manchmal auch nicht. Besonders schwierig verfolgbar sind Sendungen von PostNL, bpost sowie alle internationalen Paketnummern, die nicht dem S10-Standard entsprechen. Immerhin: Das Tracking mit RFID-Etiketten (sog. Ländernachweis) funktioniert meistens.
  3. In 2012 bot DHL einen internationalen "Easy Return"-Service an. Davon ist nur noch eine Pressemitteilung übrig geblieben. Die zugehörige Website dhleasyreturn.com wurde abgeschaltet. Das Tracking von Rücksendungen ins Ausland, die aufgrund von Unzustellbarkeit oder Nichtabholung stattfinden, ist generell schwierig - weil nicht vorhanden.
  4. Teils, teils. Für Pakete aus China, die in Deutschland mit DPD zugestellt werden, stehen alle Lieferoptionen wie für innerdeutsche Pakete zur Verfügung. Internationale Pakete mit Einfuhrabgaben, die mit DHL geliefert werden, sind zur Lieferung an Packstationen ausgeschlossen.
  5. DHL und Deutsche Post schaffen "harmonisierte Prozesse" nicht mal im eigenen Konzern. Als Kunde muss man selbst herausfinden, ob eine Sendungsnummer im Tracking von DHL, DHL Express, Deutsche Post oder DHL Globalmail funktioniert.
  6. Ein häufiges Ärgernis ist die fehlende Möglichkeit zur nachträglichen Adresskorrektur bei DHL und Deutscher Post. Außerdem verliert die Post nicht selten Überblick und Auskunftsfähigkeit, sobald eine Sendung an den Zoll übergeben wurde.
  7. International kooperierende Post-Servicecenter sind eine Wunschvorstellung. Bei Problemen mit internationalen Paketen wird der Kunde nahezu immer an die Postgesellschaft im Absenderland verwiesen. Und von dort wieder zurück. Und dann hingehalten und zermürbt.

Heißt die Lösung Direkteinschleusung?

Durch den Boom des Onlineshoppings in China haben dortige Versandhändler die Unzulänglichkeiten des internationalen Versands früh erkannt und eigene, zuverlässigere Versandarten entwickelt. Im Mai hat China Post beispielsweise die Ansiedlung eines eigenen Paketzentrums in Hannover bekannt gegeben (Paketda berichtete).

Eine weitere Methode, um Chinapakete zuverlässiger als bislang nach Europa zu bringen, ist der Sammeltransport. Vereinfacht gesagt werden Sendungen für deutsche Kunden bereits in China mit deutschen Versandetiketten von DHL, DPD oder Hermes beklebt. Allerdings bleiben die Postgesellschaften am Anfang der Transportkette außen vor. Ein fremdes Unternehmen fliegt die gesammelten China-Pakete nach Europa und übergibt sie nach der Verzollung an die nationalen Paketdienste. Für DHL, DPD oder Hermes handelt es sich dann um einfache innerdeutsche Pakete, weil den schwierigen Teil der Transportkette andere Dienstleister erledigt haben (z.B. das Unternehmen Lomeway E-Commerce).

Der Versandvermittler Coureon hat diese Versandart in einer Infografik anschaulich dargestellt:

Coureon-Infografik zur Direkteinschleusung von Paketen
Die Direkteinschleusung wird von Coureon auch deutschen Versandhändlern angeboten, die Pakete in europäische Länder oder sogar in die USA verschicken wollen. Neben einem Preisvorteil bietet diese Versandart eine höhere Zuverlässigkeit, weil die Pakete weniger Übergabepunkte zwischen unterschiedlichen Postgesellschaften passieren. Jeder Bearbeitungsschritt (vgl. Interconnect-Schaubilder) ist eine potenzielle Quelle für Verzögerungen oder den Verlust einer Sendung. Je weniger Bearbeitungsschritte es gibt, desto geringer die Lieferrisiken.


Fazit

Ob eine Regulierung des grenzüberschreitenden Paketmarkts notwendig und erfolgversprechend, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Auch unter Ökonomen und Marktexperten gibt es dazu sicherlich unterschiedliche Sichtweisen.

Für den deutschen Markt ist beispielsweise der Bundesverband der Kurier-Express-Post-Dienste der Meinung, dass "kaum von einem funktionierenden Wettbewerb im B2C Segment gesprochen werden" kann, weil der Markt "maßgeblich von einem Unternehmen beherrscht" werde (nämlich Deutsche Post DHL). Auch Hermes vertritt die Ansicht, dass die "ehemaligen Monopolstrukturen" der Deutschen Post bis heute nachwirken. Diese Aussagen sind auf den deutschen Paketmarkt bezogen und nicht auf den internationalen Paketversand, den die EU im Auge hat. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass es auch in anderen EU-Ländern einen ehemaligen Monopolisten gibt, der über einen historisch bedingten hohen Marktanteil verfügt.

Und was würde passieren, wenn die EU eine Marktregulierung durchsetzt? Auf deliver4europe.eu malen die Lobbyisten schwarz: "Eine Begrenzung des Portos auf willkürlich niedrigem Niveau erhöht das Risiko, dass die Paketdienste ihr Angebot an Premiumservices ausweiten, um ihre Margen und Paketmengen zu sichern. Den Verbrauchern würden zusätzliche Services zu höheren Preisen angeboten, so dass Standardlieferungen weniger attraktiv werden könnten."

Mit Blick auf Prio-Paket und Prio-Brief könnte man fast meinen, Deutsche Post DHL habe damit schon begonnen ...


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