Blick in die Glaskugel: Paketbranche in 5 Jahren

"Umdenken" heißt es zurzeit bei den Chefs von Deutschlands Paketdiensten. Während Hermes schon seit langem ein höheres Porto fordert, es aber nie durchgesetzt hat, äußerte sich kürzlich auch der Chef von DPD, Boris Winkelmann, in diese Richtung (Paketda berichtete). In einem Interview mit internetworld.de wurde er noch konkreter und versicherte, dass "die Preise steigen müssen. Und werden."

Ein paar Tage später sagte Hermes-Geschäftsführer Frank Rausch im Interview mit der Wirtschaftswoche, Hermes werde im Weihnachtsgeschäft 2018 Preisaufschläge verlangen. Deren Höhe ergebe sich aus Erfahrungen aus dem Weihnachtsgeschäft 2017. Die Preiserhöhung sei "ein erster Schritt" zur Preisanpassung. Diese Aussage lässt weitere Portoerhöhungen vermuten.

Ebenfalls in der Wirtschaftswoche kam nochmals Boris Winkelmann von DPD zu Wort: "In der Zukunft könnte es so kommen, dass die Paketdienste standardmäßig an den Paketshop liefern und die Lieferung zur Haustür dann zum Beispiel 50 Cent extra kostet."

Nach jahrelangen Preisspiralen nach unten scheinen Paketdienste nun den Mut zu fassen, sich ihre Services besser bezahlen zu lassen. Deshalb wagt Paketda einen Blick in die Zukunft der Branche. Das sind unsere Prognosen für die nächsten fünf Jahre:

2018
Keine spürbaren Veränderungen, weil die Verträge zwischen Paketdiensten und Firmenkunden für 2018 schon abgeschlossen sind. Die von Hermes angekündigten Mehrkosten im Weihnachtgeschäft werden die Händler wohl selber tragen und nicht an Privatkunden weitergeben, um keinen Nachteil im Wettbewerb mit anderen Onlineshops zu haben.

2019
In 2019 werden die meisten Paketdienste das Porto für Firmenkunden anheben. Privatkunden bekommen die Kostensteigerungen vermutlich nicht direkt zu spüren. Onlineshops werden weiterhin mit kostenlosem Versand werben, aber vielleicht den Mindestbestellwert für kostenlose Lieferungen erhöhen oder Retouren nicht mehr kostenlos anbieten.

2020
Es gibt erneut Portoerhöhungen für Firmenkunden. Paketdienste begründen dies u.a. mit besserem Service, weil wesentlich mehr Paketshops und Abholautomaten (vgl. Parcellock-Stationen) geschaffen wurden. Wahrscheinlich gewähren einige Paketdienste Rabatte, sofern Pakete an einen Paketshop oder an einen Abholautomaten geschickt werden. Das entspräche einem verdeckten Zuschlag für die Lieferung an Hausanschriften. Ähnlich verfährt UPS bereits heutzutage: Lieferungen an Privatadressen sind teurer als Lieferungen an Büroanschriften.

2021
In diesem Jahr könnte sich das im Vorjahr getestete Preismodell für unterschiedlich teure Lieferungen an Paketshops und Hausanschriften stärker durchsetzen. Einige Onlineshops bauen die Lieferoptionen direkt in den Bestellprozess ein, um die Mehrkosten für Lieferungen an eine Hausanschrift an die Kunden weiterzugeben.

2022
Bis zu diesem Jahr haben deutsche Onlineshopper die allgemein gestiegenen Lieferkosten vermutlich akzeptiert. Vielleicht gibt es sogar eine Zahlungsbereitschaft für Abendzustellung oder stundengenaue Lieferung. Paketdienste könnten diese Services den Privatkunden direkt anbieten und ihnen in Rechnung stellen.

Bonus: 2023
DHL Express beliefert in Deutschland keine Privatkunden mehr. Die Expresszustellung an Privatkunden erledigt DHL Paket, indem vier Geschwindigkeitsstufen für DHL-Pakete angeboten werden: Standard, Prio, Next Day (Express) und Sameday (in Ballungsgebieten).

Grund für diese Annahme: DHL Express hat bislang keine Anstalten gemacht, sich auf die Bedürfnisse von Privatkunden einzustellen. So gibt es keine automatische Zweitzustellung, keine Lieferung an Filialen oder Paketshops, keine Samstagszustellung, Trackingprobleme bei EMS-Paketen und zum Fürchten teure-Zollabfertigungsgebühren. Diesen mehrjährigen Entwicklungsrückstand wird DHL Express nicht aufholen können und deshalb im Privatkundensegment untergehen. International und im Versand zwischen Firmenkunden wird es DHL Express weiterhin geben.



Unsere Glaskugel-Prognosen berücksichtigen nicht die zunehmenden Logistik-Ambitionen von Amazon. Wenn Amazon Ernst macht, dürfte das vor allem die Citylogistik betreffen. In Großstädten beliefern Paketzusteller viele Kunden auf kurzer Strecke, wohingegen in ländlichen Gebieten weniger Adressen in größerem Radius bedient werden müssen. Letzteres ist weniger profitabel, so dass sich Amazon die "Filetstücke" in Großstädten herauspicken und mit Amazon Logistics selbst beliefern könnte. Träfe dieses Szenario deutschlandweit ein, müssten sich die Wettbewerber eine Gegenstrategie überlegen. Amazon Logistics wäre dann soetwas wie Hermes in seinen Anfangstagen für Otto; ein eigener Lieferdienst für einen extrem großen Versandhändler. Und genau wie Hermes wird sich Amazon Logistics vermutlich für Drittkunden öffnen, also für andere Versandhändler.


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